Jahrgang 
1914
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Er verdiente insofern größere Beachtung, als die Wünsche der Herren an die Person des Kaisers gerichtet waren, ein merkwürdiges Verfahren, den Monarchen, der 1900 feierlich die Gleichberechtigung der drei höheren Schulen verkündet hatte, zum Bundesgenossen für die Zertrümmerung der ältesten von ihnen zu gewinnen. Obwohl Se. Majestät sich 1800 scharf gegen die einseitige Heranbildung unserer Gymnasiasten zu jungen Griechen und Römern verwahrt hatte, so leugnete er doch keineswegs die Notwendigkeit des GCriechischen, er schlug ja damals selbst eine Zweiteilung des Schulwesens vor in Anstalten mit Latein und Griechisch und in solche ohne beide alte Sprachen. Mochte es auch damals es bestand ja noch das Gymnasialmonopol, scheinen, als ob unser Kaiserlicher Herr kein besonderer Freund der Gymnasialbildung sei, so beweist doch die Folgezeit, daß er seine Auffassung gemildert hat. Zwei seiner Söhne hat er Griechisch lernen lassen und ihrem Lehrer sein Bild mit eigenhändiger griechischer Widmung geschenkt. Sein großes Interesse an archäo- logischen Forschungen hat er ja unzählige Male, zuletzt bei den von ihm selbst veranlaßten Ausgrabungen auf Korfu kundgetan. Im Jahre 1903 gedenkt er in Kassel dankbar seiner dor- tigen Gymnasialzeit, die ihn gelehrt habe, den Wert der Arbeit zu schätzen. Acht Jahre später weist er die Primaner seines ehemaligen Gymnasiums auf den Vorzug hin, mit dem Geist des durch seine Harmonie in Kunst, Leben und Wissenschaft vorbildlichen Griechentums in Berührung zu stehen. Unsern Kaiser kann man also wohl kaum zu den Gegnern des Gymnasiums zählen. Es hat noch mancher Führer unseres Volkes seine durch die Allein- herrschaft des humanistischen Gymnasiums veranlaßte Kampfstellung gegen das Griechische aufgegeben. Zu ihnen gehört insbesondere der verstorbene Friedrich Paulsen. 1890 stand er dem Griechischen noch ablehnend gegenüber, in den letzten Jahren seines Lebens jedoch gab er zu, daß neben dem deutschen Unterricht der griechische am meisten geeignet sei, den Kontakt der Seelen auszulösen.

Die öffentliche Meinung hat den Frankfurter Vorstoß im allgemeinen kühl aufgenom- men, teilweise ihn sogar energisch bekämpft. Im preußischen Landtag haben Abgeordnete aller bürgerlichen Parteien, unter ihnen sogar Realschulmänner, sich gegen das Vorgehen der Frankfurter Arzte erklärt. Die Versammlung des Vereins preußischer Realschulmänner hat sich im Jahre 1911 einstimmig für die Erhaltung des humanistischen Gymnasiums ausge- sprochen. Ebenso einmütig erklärte sich die preußische Delegiertenkonferenz, d. h. die Ver- treter der organisierten Oberlehrerschaft, gegen die Frankfurter Angriffe. Sie gab auch der Hoffnung Ausdruck, daß in Zukunft alle gewaltsamen, von platten Nützlichkeitserwägungen getragenen Reformversuche Unberufener energisch abgewiesen würden. Ebenso haben deutsche Universitätslehrer, an der Spitze der gesamte Lehrkörper der Universität Gießen, die Naturwissenschaftler eingeschlossen, protestiert gegen alle Versuche, das humanistische Gymnasium zu beseitigen. Sie bezeichneten es als eine unbedingt notwendige Vorschule für alle Gebiete, die eine gründliche Einsicht in das Wesen und in die Zusammenhänge geschichtlicher Dinge voraussetzen.

Es ist nicht zu leugnen, daß die Antike sich steigender Wertschätzung erfreut. Otto Immisch hält die Zeit, wo es schien, als wollte sich unsere Bildung von der Antike abwenden, bereits für überwunden und glaubt, es bereite sich langsam eine neue Renaissance vor. Ein Beweis von dem steigenden Interesse des Publikums an den Schriftwerken des Altertums ist die große Zahl von ÜUbersetzungen, die jährlich auf den Büchermarkt gebracht wird. Rezitationen und Aufführungen antiker Meisterwerke finden dankbare Zuhörer. Unsere modernen Dichter lassen den Geist der Antike auf sich wirken. Mit Preude stellt Immisch fest, daß Stefan George und sein Kreis wieder gelernt haben, von der Uberlieferung dankbar und mit Fhrfurcht zu reden. Bemerkenswert ist, daß sie sich nicht nur als oberflächliche Philhellenen bekennen, sondern auch strenge Sprachstudien fordern.Ich wüßte nicht, wozu der wahrhaft europäische Geist eine stärkere Liebe fühlen sollte als zum Attischen, ruft Gerhart Hauptmann aus in seinem ReisetagebuchGriechischer Frühling. Ebenda ver-