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haben und uns menschlich näher gerückt sind als die durch ihre nationale Eigenheit uns ferner stehenden Persönlichkeiten der modernen Literaturen. Aber auch dadurch, daß die Antike sich als eine einheitliche Kulturwelt dem Schüler darstellt, empfiehlt sie sich als ein Bildungsmittel ersten Ranges. In einfachen und übersichtlichen Verhältnissen tritt ihm die griechische Welt und ihre Renaissance, die römische, entgegen. Verhältnismäßig eng ist der Kreis, in dem sich die klassische Schullektüre bewegt. Neben der homerischen Zeit kommen für das griechische Altertum die Blütezeit des athenischen Lebens im 5. und 4. Jahrhundert, für das römische der Ausgang der Republik und der Anfang der Kaiserzeit in Betracht. Aber gerade die Beschränkung ist geeignet, den Schüler in der„Kunst des Zusammensehens“ zu üben. Dazu kommt, daß die Geschichte des Altertums etwas Abge- schlossenes ist und den Schülern gestattet, Entwicklungsgänge von Anfang bis zum Ende zu verfolgen. Endlich zeigen griechische und römische Kultur auch, wie es möglich ist, Ein- flüsse fremder Kulturen mit voller eigener Selbständigkeit zu vereinigen.„Sie erwecken,“ sagt Paul Cauer,„in allen, die zu FEpigonen geboren sind, den Mut und die Hoffnung, daß dies immer aufs neue gelingen wird.“ Freilich stehen wir Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts dem klassischen Altertum nicht in überschwänglicher Anbetung, sondern mit besonnener historischer Kritik gegenſiber. Die Altertumswissenschaft selber hat das Dogma vom klas- sischen Altertum zerstört und uns gelehrt, daß es nicht die, sondern nur eine der höchsten Formen menschlicher Kultur ist. Trotzdem haben uns die Alten noch viel zu sagen, gerade jetzt, da sie uns nicht mehr absolute Ideale sind, jedoch, wie es Gustav Roethe so schön ausdrückt,„als ewig wundervolle Vertreter bedingter Menschlichkeit viel kostbarer und gött- licher geworden sind, als da sie ein Naturphänomen schienen, vor dem das Urteil schwieg.“ Heutzutage gilt bei vielen die Beschäftigung mit dem klassischen Altertum als ein überwun- dener Standpunkt. Wie undankbar wären wir Deutschen, wenn wir vergessen wollten, was uns die Antike gewesen ist. Unsere Sprache ist durchsetzt von einer Fülle von Lehnwörtern lateinischen und griechischen Ursprungs. Das ganze Mittelalter ist durch die lateinische Schule gegangen. Das Wiedererwachen des klassischen Altertums hat dem Individuum zu seinem Recht verholfen und dadurch mit den Anstoß zur deutschen Reformation gegeben. Aus der Rüstkammer des Humanismus haben unsere Reformatoren ihre geistigen Waffen ge- nommen. In humanistischer Gewissenhaftigkeit benutzte Luther für seine Bibelübersetzung den besten Text, der ihm zu Gebote stand. Durch die Bewegung des Humanismus wurden die Hauptquelle für die älteste Geschichte unseres deutschen Volkes, die Germania des Tacitus und der Teil seiner Annalen, der von Arminius erzählt, wieder ans Licht gezogen. In der Zeit nach dem Westfälischen Frieden, wo Deutschland des Auslandes Sklave war, ist die Antike die Lehrmeisterin des Dichters gewesen, der mit seinem„Messias“ den Deut- schen eine poetische Sprache wiedergab. Ohne das Altertum hätten wir wohl nicht das Höchste, was Deutschland in der Literatur besitzt, die unsterblichen Werke Schillers und Goethes. Haben nicht diese beiden vom Geiste der Antike beflügelten Geistesheroen unbewußt dazu beigetragen, in unserem Volke das nationale Selbstbewußtsein zu erwecken, das es in den Stand setzte, das Joch Napoleons zu zerbrechen?„Es läßt sich einmal nicht leugnen,“ So äußert sich einmal Friedrich Paulsen,„daß die gesamte Literatur der abendländischen Völ- kerwelt ein Abkömmling der griechischen ist.“ Die Geschichte aller Wissenschaft fängt bei den Griechen an. In Kunst und Politik, in Philosophie und Naturwissenschaften sind von ihnen die Richtungslinien festgelegt worden. 4
Die Schule, die das Altertum pflegen will, ist ohne griechischen Unterricht nicht denkbar. Das Herzstück des humanistischen Gymnasiums nennt ihn Harnack. Nun wird aber trotz des 1900 verkündeten und allseitig froh begrüßten Schul- friedens in Laienkreisen versucht, die Stellung des GCriechischen zu erschüttern. Der letzte größere Versuch in der Richtung, das Griechische zu einem wahlfreien Fache herabzusetzen, wurde im Sommer 1911 von einer Anzahl Frankfurter Arzte unternommen.


