Jahrgang 
1914
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seine Zeitgenossen nirgends in vollendeterer Harmonie zu finden als bei den Griechen. Wie sie zu fühlen und zu denken war das Streben des Gebildeten. Kein Wunder, daß auch die Gelehrtenschule der neuen Weltanschauung Rechnung trug und dem griechischen Altertum die führende Rolle bei der Jugendbildung zuwies. Unser weimarisches Land darf sich rühmen, in der Bewegung des Neuhumanismus im Vordergrunde gestanden zu haben. Johann Mat- thias Geßner machte in Jena seine Studien und war darauf dreizehn Jahre als Konrektor am Weimarischen Gymnasium tätig. In seinem Geiste wirkte zwei Menschenalter später Herder als Ephorus an der gleichen Anstalt. Bald nach Herders Tode lehrten an ihr Franz Passow, der begeisterte Philhellene, und Johannes Schulze, nachher berühmt geworden als Organisator und Leiter des höheren Schulwesens in Preußen. Von dem klassischen Geist der Großen Weimars beeinflußt, schuf Wilhelm von Humboldt in der Uberzeugung, daß Preu- Ben an inneren Kräften ersetzen müsse, was es an äußeren verloren habe, trotz der schweren Not seines Vaterlandes die Universität Berlin und bald darauf das humanistische Gymnasium. Seit dieser Zeit herrschte wie ein Dogma die Anschauung, daß nur das klassische Gymna sium zur Vorbildung für akademische Studien geeignet sei. Bekanntlich fand sie aber energischen Widerspruch namentlich am Ende des vorigen Jahrhunderts bei den Anhängern der zu ungeahnter Entwicklung gediehenen exakten Wissenschaften. Den unerquicklichen Streit um die Gleichwertigkeit von humanistischer und realistischer Bildung hat erst der kaiserliche Erlaß vom 16. November 1900 beendet. Mit der Verkündigung der Gleich- berechtigung der drei neunklassigen höheren Knabenschulen ist das Gymnasialmonopol ge- fallen. Realgymnasium und Oberrealschule wetteifern mit dem Gymnasium, ihre Zöglinge zu geistiger Arbeit zu erziehen und sie dadurch für die akademischen Studien zu befähigen. Durch den Novembererlaß ist aber auch jeder Schulart die Gewähr gegeben, ihre besondere Figenart zu entwickeln. Eine Fachbildung für bestimmte Berufe freilich will keine höhere Schule verleihen, sie kann nur die allgemein menschlichen Grundlagen für den späteren Beruf schaffen. Die Schule hat ja gar nicht die Aufgabe, nur eine Summe von Einzelkennt- nissen in den Köpfen der Schüler aufzuspeich ern, sondern den Geist methodisch auszubil- den, für den Kenntnissedas bloße Material sind wie die Nährstoffe für den Leib. Bei der Bildungsarbeit kommt es nicht so sehr darauf an, was man treibt, sondern wie man es treibt. Deshalb ist es einerlei, ob Sprachen oder Mathematik oder Naturwissen- schaften die Mittel sind, durch die der Verstand geschult und der Wille geübt wird. Die Hauptsache bleibt, daß der Schüler mit Interesse arbeitet und durch Anspannung seiner geistigen Kräfte den inneren Menschen fördert. Für alle Schulen gilt dabei die ernste Mah- nung: Multum, non multa!Bis heute, sagt D. Ecke in der Vorrede derDankesgrüße ehe- maliger Schüler des Erfurter Gymnasiums,hat noch kein Schulmann einen Weg zeigen können, um die Herbeiführung einer streng methodischen Geistesschulung mit der Darbie- tung eines aller möglichen Gebiete sich bemächtigenden Wissens zu vereinigen.

Das Vorhandensein humanistischer und realistischer Anstalten entspricht der Grund- richtung der menschlichen Natur. Im Wettkampf werden sie, um mit Otto Crusius zu reden, unser Volk gleichmäßig bewahren vor den Fehlern der von ihnen vertretenen Tugenden, vor der Ideologie wie vor dem Banausentum. Es ist ebenso wichtig, den Gesetzen des Menschen- geistes nachzuforschen, wie denen der Natur. Eine Überschätzung der Naturwissenschaften zu Ungunsten der Geisteswissenschaften kann nicht gebilligt werden. Der Mensch ist vor allem ein geschichtliches Wesen. Die Gegenwart kann man nur verstehen, wenn man die Vergangenheit kennt. Darum muß sich ein Teil unserer höheren Schulen im besonderen Maße der Traditionsforschung widmen. Dieser Aufgabe wird die Schule um so besser gerecht werden, wenn sie mit solchen Mächten rechnen kann, diefür einen abgeklärten und ge- läuterten Inhalt bereits eine reine und klare Form gewonnen haben. Einer solchen Forde- rung entsprechen die Gestalten des klassischen Altertums weit mehr als die der englischen und französischen Literatur, da sie im Lauf der Zeit etwas Allgemeineres angenommen