Jahrgang 
1914
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Antrittsrede des Direktors,

gehalten am 1. April 1914.

Soli deo gloria! Gott allein die Ehre! So lautet der Wahlspruch des Wilhelm Ernst- Gymnasiums zu Weimar, dem ich bis jetzt angehört habe. Soli deo gloria! Das soll auch der Weihegruß sein für meinen Eintritt in das ehrwürdige Karl Friedrich-Gymnasium. Ehe ich indessen die Schwelle meines neuen Lebensabschnittes überschreite, geziemt es sich für mich, ehrfurchtsvollen Dank auszusprechen Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog für die Gnade, mir die Leitung dieser Schule zu übertragen. Das Großh. Staatsministerium aber, das die Gewogenheit hatte, mich dem erlauchten Landesherrn vorzuschlagen, möchte ich bitten, meinen ehrerbietigsten Dank für den Beweis seines großen Vertrauens entgegenzunehmen. Ohne das Gefühl aufrichtiger Dankbarkeit will ich auch nicht scheiden von der Stätte meiner bisherigen Wirksamkeit. Alles, was ich als Lehrer leiste, verdanke ich nächst Gustav Richter und Lud- wig Weniger vor allem den Anregungen meiner bisherigen treuen Mitarbeiter in Weimar. Ihre hohe Auffassung von den Pflichten eines Jugendbildners soll mir stets ein leuchtendes Vor- bild sein. Nun bin ich zu Ihnen berufen, meine verehrten Herren Kollegen, an eine Anstalt, die mit dem Weimarischen Gymnasium durch wiederholten Austausch von Lehrkräften in be- sonders enger Fühlung steht. Sie werden es mir nachfühlen, daß mich bange Sorge be- schleicht, ob ich bei meinen jungen Jahren Ihren Erwartungen von der Persönlichkeit eines Direktors entsprechen werde. Aber ich hebe meine Augen auf zu Gott. Er hat mich bisher treulich geleitet und wird mich auch fernerhin führen. Nehmen Sie mich freundlich auf. Ich nahe mich Ihnen mit dem Wunsche, nicht ausschließlich Ihr Vorgesetzter zu sein, sondern vor allem Ihr Freund und Kollege. Von Ihnen allen möchte ich lernen, vor allem von den älteren unter Ihnen, die schon jahrelang auf das engste mit unserem Gymnasium verwach- sen sind. Ich bitte Sie herzlich, mir den reichen Schatz Ihrer Erfahrung im Beruf und im Leben nicht vorzuenthalten. In Einzelfragen werden wir naturgemäß nicht immer gleicher Meinung sein, in dem Hauptziel aber, eine wissenschaftlich und körperlich tüchtige, gottes- fürchtige und vaterlandsliebende Jugend heranzubilden, sind wir, so hoffe ich, alle einig.

Wir leben jetzt in einer Zeit bedeutungsvoller Jubiläen. Inmitten der glanzvollen Feste, die der Erinnerung an die Wiedergeburt unseres Vaterlandes vor hundert Jahren gelten, wollen wir nicht achtlos vorübergehen an einer zwar äußerlich nicht bemerkbaren, aber des- halb nicht weniger wichtigen Jahrhundertfeier: ich meine die Erneuerung des deutschen Schul- wesens. Vor etwa hundert Jahren sind die Volksschulen und das humanistische Gymna- sium in ihren Grundzügen festgelegt worden. Beide Schulgattungen sind hervorgegangen aus der Erkenntnis, daß nicht nur die UÜbermittlung äußerer Kenntnisse, sondern Menschen- bildung und sittliche Erziehung das Ziel der Schule sein müßten. Das am Ende des 18. Jahr- hunderts entstandene Ideal einer freien, allgemeinen menschlichen Bildung brachte Pestalozzi in die Volksschule, in das Gymnasium Herder. Freie und allseitige Bildung glaubten er und