Jahrgang 
1912
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Ich kann mich aber auch nicht der Ansicht Petersens anschließen, daß die gereimte Vorrede zu G ²⁵) jünger sei als die zu L. Von 52 Strophen in G finden sich nämlich 17 hier und da zerstreut auch in L, meistens nur leise verändert, weil das Akrostichon bestimmte An- fangsbuchstaben verlangte. Petersen findet nun an den Strophen in G Hinweise, daß sie erst aus den in L sich findenden für das Bedürfnis der neuen Vorrede zurechtgemacht seien. Strophe 11 13 heißt es:

Nue mubß ich doch voldruche das mir vor jaren war ein lust mit dissem andern buche. das ist mir nu ein erbeit worden. Rond ich es sust gesmuche, der rime ich mich entruche. Es czutern mir die hende, die synné sint mir worden laß, Getretin byn ich nue alsust die vor mir warn behende, in des alders orden, nule muß ich schriben durch ein glas. Nach Petersens Meinung(S. 16a) stehen die Worte Getretin bin ich... außer Zusam-

menhang mit dem Vorhergehenden. Der Zusammenhang ist aber klar und mindestens ebenso gut wie in L. Str. 31 33. Der Chrouist sagt: Konnte ich es früher mit Reimen schmücken, so muß ich jetzt darauf verzichten, denn ich bin alt geworden. Was mir sonst eine Lust war, ist mir jetzt eine Arbeit: die Hände zittern mir, die Sinne sind geschwächt, und ich muß durch ein Glas schreiben.

In der viertletzten und drittletzten Strophe von G und entsprechend in L Str. 44 und 45 wird das Thema der Chronik angegeben:

G. L. Brune, im(2) vwr hethe, Nu han ich hie zu sampne bracht ganstiger frundt besundern, diße Rronichen mit listen, mag ich nicht obirtrete. noch deme, also ich habe gedacht, ich schribe uch von wundern von heiden, juden unde cristen. Eyn teil die ich gesammet han, Ein teil ich ouch gesampnet han der herschafft von doringen, der hirschafft von doryngen, so ich aller beste Ran, was bebiste, keyhßer haben gethan dar czu von andern dingen. von wunderlichen dingen.

Der Vers So ich alles beste kan ist ein Lückenbüßer, gewiß, aber nicht in dem Sinne, wie Petersen es meint, daß er die Lücke fülle, die infolge der Kürzung des Themas in L durch Wegfall der Worte Was bebiste, Keyhßer haben gethan, entstanden sei, sondern in dem Sinne, wie in Str. 44 von L die Worte mit listen und Noch deme also ich habe gedacht Lückenbüßer sind: sie haben die Lücken auszufüllen, deren Ausfüllung die Form der Strophe und der Reim verlangen. Daß dem Verfasser das erweiterte Thema in Str. 45 einmal Stoff gab, eine solche Flickerei zu beseitigen, wird ihn gefreut haben, nachdem ihn der zu kurze Inhalt der vorher- gehenden Strophe zu zweifachem Flicken gezwungen hatte. Also intra muros peccatur et extra.

Den ausführlichen Nachweis behält sich Petersen noch vor. Deshalb nur noch weniges. Wenn man gern zugibt, daß die Vorrede an die Landgräfin klarer disponiert ist, so erklärt sich das doch abermals ungezwungen aus der größeren Sorgfalt. Die Gedanken sind im ganzen dieselben, warum sollte sie Rothe bei der zweiten Fassung nicht klarer ordnen?

Petersen spricht Rothe die Vorrede G nicht ab und bestreitet auch nicht, daß die Chronik G die früher abgefaßte sei. Er glaubt aber und das ist ja an sich möglich ein

25) In gereinigter Schreibung abgedruckt von Bech in der Germania VI S. 260 ff. Ich führe die Stellen von G sonst immer in der Schreibung Schlorfs an.