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ältere Darstellung zu einem kleinen Teil wörtlich übernimmt, zum größeren Teil durch an- dere Wendungen und durch weitere Ausmalung, gelegentlich auch durch ein Uberbieten Vver- ändert. Dort biß die Mutter den Sohn in den Backen, daß er„Sehr blutete“, hier beibßt sie ihm den Backen„beinahe durch“. Ahnlich läßt sich der Chronist bei der Erzähluneg Von der Bestrafung des Eisenacher Bürgers v. Welsbach zu einer Ubertreibung verleiten. G er- Zählt, der lateinischen Quelle entsprechend, Bl. 253: Vnder den was ein mechtiger burger genant von welßbeche, der sprach dannoch, das landt czu doringen were mogelicher(mit mehr Recht) des Rindiß von hessen danne syn. Vnde(den) ließ her legen in eine blide vnde on dristunt(dreimal) werfen, das her czwer(zweimal) lebendig bleib, vnd zu deme dritthen male starb her. Das wird dann in L Kap. 501 bis zum Unsinn gesteigert: den ließ her vn die hliden, die vor Warperg h stundt, legen unde on vn die stat Isenache werffen, den- noch rief her die weile, das lant were des Ryndes vonn Hessen.
Können aber alle diese Abweichungen etwas gegen die Annahme beweisen, daß Rothe sein eigenes älteres Werk verändert hat? Und wenn Petersen seine Ansicht, daß der Stil Von G durchgängig zerhackter und eintöniger sei als in L, durch die Gegenüberstellung jener beiden Stellen erhärtet, die von der Gründung von Schwarzburg handeln(s. o. S. 7), so nehme ich als Seitenstück eine Stelle aus L, die ich zufällig aufschlug. Allerdings bin ich in der Setzung von Punkten für L ebenso freigebig wie Petersen an jener Stelle für G. L Kap. 408 beginnt So: Geilnhußen unde Fredebergk nam do zuhant konigk Otto vonn Sachßen yn, albo her Philippus tot erfaren hatte. Unde zoch zu Francfort. Unde hesante do die dutzschen faursten. Unde obirquam mit den allen, das sie on zu eyme romischen honige do entphyngen unde om halde taten. Unde laß on do die gesetze honigk karlis des größen umbe den freden 2u halden. Unde dornoch zog her von stunt keigen Rome zu unßerm geistlichen vater dem habiste. Unde ließ sich zu Eeißer kronen ynn sente Peters monstir.
Wenn trotzdem L im ganzen eine etwas sorgfältigere Darstellung zeigt, so ist das nicht zu verwundern, denn hier ist Rothe mit dem Stoffe gründlich vertraut, hat neben der lateinischen Quelle zu einem großen Teil schon seine deutsche Darstellung vor sich und breitet nun seine Erzählungen mit großem Behagen aus. Dazu kommt der Eifer, dem Wunsche der hohen Auftraggeberin genüge zu leisten.
Somit kann auch die Vergleichung des Stils nichts gegen Witzschels Darlegungen beweisen. Wohl hat Petersen recht, wenn er(S. 25) meint, wünschenswert sei„eine bis ins Einzelne gehende systematische Vergleichung und Ouellenanalyse beider Chroniken, die namentlich das Verhältnis zur wichtigsten Vorlage, zur Historia de lantgraviis, aber auch das zu einer andern déutschen Chronik, dem bei Schöttgen und Kreysig abgedruckten Chro- nicon Thuringicum, ständig im Auge zu behalten hätte,“ aber über den oder die Verfasser wird sie uns ebensowenig wie eine eingehende Untersuchung der Sprachformen, des Stiles und des Wortschatzes etwas Neues lehren.
Denn was käme bei der gegenteiligen Annahme heraus? Es gäbe im Anfange des 15. Jahrhunderts in Eisenach gleichzeitig zwei Geistliche, die an die Stelle der bisherigen latei- nischen Chronikschreiberei eine volkstümliche deutsche setzten, die die gleichen Ouellen benutzten und in derselben Weise verarbeiteten, die ein besonderes Interesse für Kreuzburg nätten und beide Anlaß hätten, den Namen Pinkernail zu nennen, nur hätte der eine von ihnen, Johannes Rothe, seinen geistigen Zwillingsbruder auffällig fleißig ausgebeutet und der eine hätte dem anderen die akrostichische Vorrede nachgeahmt sogar mit wörtlicher Her- ſibernahme mehrerer Strophen(s. u.). Nein, so lange nicht eine tatsächliche, individuelle Spur jenes Zwillingsbruders X nachgewiesen wird, kann nicht die Rede davon sein, dabß G einen anderen Verfasser nat als Johannes Rothe.


