Jahrgang 
1912
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Solche Widersprüche in den beiden Fassungen lassen sich also, wie ia auch Petersen Zzugibt, recht wohl erklären und zwingen in keiner Weise dazu, zwei verschiedene Verfasser anzunehmen. Im Gegenteil, das Verfahren stimmt ganz zu dem einheitlichen Bild, das man von dem Chronikenschreiber Rothe gewinnt. Den Begriff Wissenschaftlichkeit kennt er nicht, es kommt ihm weniger darauf an, beglaubigte Tatsachen zu berichten, als seinen Lesern etwas Schönes zu erzählen.

Und erzählen und fabulieren kann er, namentlich wo er sich von den Quellen löst und mit seinem Gemüt bei der Sache ist. Petersen stellt zwar einen großen stilistischen Unterschied zwischen beiden Werken fest und spricht von der durchgehenden Zerhacktheit und Monotonie von G. Nun, Witzschel ist anderer Meinung. Er äußert sich(a. a. O. S. 132) S0:Zunächst finden wir unter den beiden Chroniken gemeinsame Erzählungen in unserer Hs. nicht wenige, welche bei größerer Ausführlichkeit oder Breite zugleich mehr Einfachheit, Natürlichkeit und Frische der Darstellung kundgeben, auch eine gewisse individuelle Hingabe an den Gegenstand, selbständige Auffassung, abweichende Motivierung und eigentümliche Färbung nicht verkennen lassen. Man lese daraufhin die bei Witzschel S. 150 f. abgedruck- ten Erzählungen von dem Ritter von Treffurt und von dem Spiel von den zehn Jungfrauen. Dazu seien die Sagen von dem Krämer und dem Esel und von Albrechts des Entarteten Anschlag gegen seine Gattin und deren Flucht und Abschied von den Kindern gefügt, wie sie in G auf Bl. 237 f. und 255 f. stehen:

In deme selbigen jare geschach es, das her zu ysenache sach eynen auarmen kremer, der hatte gar eynen ermelichen kram, floiten, leitile, bleigen spannen, trunichen, nalden, finger- hute vnde der glichen. Da fraeitte on der toguntsamme furste, also her zcu deme jarmauargkte der großen richen Rremere Rrame beschawet hatte, wie sich disser arme Rremer von disseme geringen Rlein krame erneren mochte. Da antworte der kremer-Du milder gnediger herre, ich han hein hantwerg vnde byn vorarmut vndeée scheme mich nach brotée czugehene, vnde mochte ich mit frede von eyme lande in das andere vnde von eyner stadt in die andere ge wandere, so were mir myn kram gut genug vnde wolde mich wol her neren, vnde myn Rram solde dannoch obir ein jar bebir syn danne her ytczunt ist. Da wart der toguntsamme furste mit barmherczicheit bewegit, da her on also in czurissen cleidern iemmerlichen vor om stehen sach, der sich gerne mit gote vnde mit ern genert hette, vnde sprach-Liber frundlt, wyne gut achtestu dinen Rram? Da antworte der kremer:Herre, ich gebe on vmb czehn schillinge hellir. Da sprach der furste czu sime kemmerer:Gib om 70 schillinge heller von myntwegen. Vnde sprach-Du salt in myme zeleyte wandern, wue hen du wilt, vnde man sal dir des mynen offen briff geben, vnde wil dich schadeloß halden. Darumbe so saltu mir geselleschafft geloben, vnde halbe wynnunge dines krams. Der arme kremer wart gar froe vnde gelobitte om getruwe czusyne vnde nam von deme kammermeistere das gelt vnde des herren briff vnde quam zu allen kirmeßen vnde jarmerghten heyn vysenache vnde brachte allewege sime herren vnde gesellen Rleynotte, die fromde warn, vnde wibte om sinen Rram. Aber der toguntsamme furste vorgalt om sine cleynotte mit Rleidern vnde mit gelde volhom- melichen. Der kram wuchhb in Rortzen gezithen czu male sere, also das der kremer den kram numme getragen mochte, vnde kauffte eynen esil vnde treib sinen hramschatz von einer stadt in die ander vnde gewan czu male thure vnde eddele stuche in syme Rrame, mit golde, perlin, edelme gesteyne, elfenbeyne, vorspann, vingerlin, tischemetirn von gesteine, kosttliche spigele, armeée gespan, sidene huben vnde puchele vnde eddele tringhegefeße vndée ußerwelte worteze, die hatte her zu venedige geholt vnde wolde keyn vsenache mit sime Rrame zu sime herren vndeée leyte in allen steten, da her dorch czoch. Also that her auch zu wirtzhorg. Da hatte syn Rram manchen schawer, vnde da besuhen etczliche erbar luthe franchen vnde veilschten faste vnd haufften wenig vnde worden des ratis, das sie uf den Rremer hilden vnde namen om den esel mit deme Rrame vnde treben on uf eyn sloß bie werczeborg. Der kremer wißte on sinen briff, den czu rissen sye vnde karten sich nicht dar an, sundern sie lißen den