Jahrgang 
1912
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vikar jahrelang diese Stellung des notarius der Stadt Eisenach bekleidet. Bis 1412 wird er nur Priester genannt, aber wahrscheinlich nicht lange danach hat er eine Stelle als Kanonikus des Stiftes bekommen, denn er erscheint 1418 schon als vierter unter sieben Domherren. 1412 war er der nächste nach dem Dekan, dem Haupte des Chorherrenstifts; er war scholasticus oder Schulmeister, d. h. der Leiter der mit der Frauenkirche verbundenen Schule. Als solcher ist er in hohem Alter im Jahre 1434 gestorben.

Johannes Rothe war ein wohlhabender Mann und hat augenscheinlich ein hohes An- sehen genossen. Er war mit Eisenacher Patrizierfamilien befreundet, beim Adel, wie es scheint, wohlgelitten, und die Fürsten nahmen ihn zum Lehrer und Berater. Im Alter(1421) nennt er sich Kappellan der Landgräfin Anna, der Gattin Friedrichs des Einfältigen. So wenig er Demokrat war, hielt er sich doch unabhängig und sagte den Fürsten wie dem Volke die ungeschminkte Wahrheit. Er beklagt den Rückgang bürgerlicher und ritterlicher Sitten und sammelt unermüdlich Stoff aus Schriften, Verfassungssätze, Rechtsordnungen, Lebensregeln, dazu Begebenheiten der kirchlichen und weltlichen Geschichte, um seinen Landsleuten zu nützen und sie zu guten Sitten zurückzufühhren. Wissenschaftlicher Sinn, schöpferischer Geist, weiter, zusammenfassender Blick gehen ihm ab, aber eigentümlich ist ihm ein ausgebrei- tetes Wissen, ein ungewöhnlich vielseitiges Interesse und eine rastlose schriftstellerische Tätigkeit.

Als der Sechzigjährige, mit zitternder Hand und durch ein Augenglas schreibend, sein

großes Geschichtswerk, die Chronikvon den Keisern, bebistin und von deme lande unde der herschaft zev Doringin ³) vorläufig abschloß, da blickte er in der Vorrede auf das zurück, was er seit seiner Jugendzeit in Prosa und in Reimen verfaßt hatte. Er meint, einige Bücher seien von dauerndem Nutzen gewesen, gar viele aber habe er umsonst geschrieben. Das läßt auf eine ganze Peihe von Werken schließen, und in der Tat hat man bei einer größeren Zahl von Schriften in deutscher Sprache seine Verfasserschaft nachgewiesen. . Gewiß hat Rothe sich schon als junger Geistlicher durch Fleiß, hellen Verstand und Ubung im Gebrauch der Feder hervorgetan, da ihn der Rat der Stadt Eisenach zu seinem notarius auserwählte. Als solcher hatte er eine besonders wichtige Stellung, denn in Eisenach war der oberste Gerichtshof für die Landgrafschaft.4) Der FEisenacher Schöffenstuhl war maßgebend für die Rechtsprechung in den anderen Städten der alten Landgrafschaft. Der junge Priester hat seine Aufgabe mit großem Ernst gefaßt. Als Stadtschreiber war er der Rechtskundige für den Rat und die Schöffen; zur Ausbildung der bechtsgrundsätze stellte er aus den vorhandenen Eisenacher Rechten(Ratswillkür und Gerichtsläuften), dem sächsischen, dem kirchlichen und dem römischen Recht den Eisenachern ein neues Recht zusammen. Freilich vermochte er dem Werke keine lebensvolle Einheit zu geben, er verstand es nicht, ein den Bedürfnissen der Zeit entsprechendes Rechtsbuch zu schaffen.?)

Von dieser Tätigkeit sagt Rothe selbst, er habe für die Stadt Eisenach zehn Jahre lang Rechte gesammelt und sechs Bücher verfaßt, drei von den guten Sitten,(rei ent- hielten das Recht von anderen Stäcdten. Man vermutet,¹) die ersten drei Bücher seien enthalten in dem FEisenacher sog. Kettenbuch, die andern drei in demSchöffenbuch, die später beide in dem Purgoldtschen Rechtsbuch verarbeitet wurden. Als Bücher von den guten Sitten kann man freilich auch einige gereimte Schriften desselben Verfassers ansehen. ein Gedicht Lob der Keuschheit, eine zweiteilige*) Dichtung Des rätis zeucht)

3) Herausgegeben alsDüringische Chronik des Johann Rothe von R. von Liliencron, Jena 1850.

4) Thüring. Geschichtsquellen. Strenge und Devrient, Die Stadtrechte von Eisenach, Gotha und Walters- hausen, Jena 19090. S. 195ff.

5) J. Petersen, Das Rittertum in der Darstellung des Johannes Rothe, Straßburg 1900, S. 19 ff.

6) Strenge und Devrient, a. a. O. S. 24.

7) Petersen a. a. O. S. 22 f.