Johannes Rothe und die Eisenacher Chroniken des 15. Jahrhunderts,
I. Rothes Leben und Werke.
Das Interesse an Johannes Rothes Werken, das vor 50 Jahren durch F. Bech ¹) eigent- lich erst geweckt worden ist, hat bis heute nicht nachgelassen. vielmehr hat man sich in jüngster Zeit wieder mannigfach mit ihm beschäftigt und ihn nicht nur als den Chronikenschreiber behandelt, sondern auch die kulturgeschichtliche, juristische und sprachliche Seite seiner Werke beleuchtet. Durch die Bekanntschaft mit seinen Werken ist auch seine Persönlichkeit klarer aus dem Dunkel getreten,²) sodaß sich wenigstens in den wichtigeren Zügen ein Bild von Leben und Art des Mannes entwerfen läßt.
Rothe ist etwa ums Jahr 1360 geboren in dem kleinen Städtchen Kreuzburg an der Werra, welches sein besonderes Gepräge erhielt durch das Schloß der Landgrafen unmittelbar über der Stadt, die Burggüter, die sich innerhalb der Stadtmauer den Burghügel hinanzogen. die stattliche Nikolaikirche auf dem Plan, die Frauenkirche vorm Frauentor auf dem hoch- gelegenen Gottesacker, das Nonnenkloster vor dem Klostertor nahe der Werra und die stei- nerne Werrabrücke vor dem Eisenacher Tor, die Landgraf Ludwig IV. hatte machen lassen „hoch unde hostlic h“. Zweifellos hat Rothe hier seine Jugend verlebt, denn mit einer gewissen Vorliebe erwähnt er den Namen Kreuzburg und erzählt, was alte Kreuzburger, vielleicht Eltern und Großeltern, ihm berichtet haben.
Er wählte den geistlichen Stand und wurde zunächst„Kaplan des Bischofs“(des Erzbischofs von Mainz?). 1387 finden wir ihn als Priester in der Stadt Eisenach, die ihm zur zweiten Heimat geworden ist. Auf der Wartburg hatte zumeist noch der Landgraf seine Residenz, damals Balthasar(seit 1406 dann Friedrich der Einfältige). Vor dem Georgen- tor lag schon lange das vornehme Zisterziensernonnenkloster St. Katharinen, vor dem Frauen- tor war eben erst das Karthäuserkloster entstanden. Innerhalb der Stadtmauer hatten Bene- diktinernonnen ihre Statt zu St. Nikolai, Barfüßer- und Predigermönche in der Nähe des Marktes. Gleich unterm Barfüßerkloster lag die Stadtwohnung der Fürsten, der Steinhof, während sich im Norden ihre Burg Klemme an die Stadtmauer lehnte. Pfarrkirchen waren St. Nikolai, St. Georgen und U. L. Frauen. Die letztgenannte Kirche, auch der Dom genannt, war das Gotteshaus des Augustiner-Chorherrenstifts und erhob sich oben an dem stark ansteigen- den Frauenplan. Hier hatte Rothe, spätestens seit 1304, die Vikarie vom Altar des hl. Andreas und der hl. Elisabeth inne. Zeitweise(1397) war er auch Vikar an der Geor- genkirche. 1393 wird er aber auch als Stadtschreiber genannt. Offenbar hat er als Dom-
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1) Germania VI, 1861, S. 45 ff., 257 ff. 2) Außere Daten seines Lebens waren schon durch Michelsens Veröffentlichung 1857 bekannt geworden: Ztschr. f. thür. Gesch. u. Alt. 3, 23 ff., dazu 3, 361 f. und 4, 219.


