Jahrgang 
1910
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In diesen Zielen weiß ich mich mit Ihnen, meine hochverehrten Herren Kollegen, eins. Unserer deutschen Jugend wollen wir alle dienen; mit ihr und an ihr werden wir jeden Tag zu Lernenden. Nicht auf Schulordnungen und Lehrplänen beruht das Heil der Schule, sondern auf Menschen. Die Jugend ist anspruchsvoll; sie verlangt mehr als unser Wissen, sie will unsere ganze Person. Leben entzündet sich nur an Leben. Das ist es, was den Beruf des Erziehers so schwer und entsagungs- voll, aber auch so dankbar macht. Denn mit ihren frischen Augen und frohen Sinnen geben unsere Schüler uns die eigene Jugend immer aufs neue zurück. Und wenn wir für unser Werk, jeder an seiner Stelle, die volle Persönlichkeit einsetzen sollen, so versteht es sich von selbst, daß auch jeder, innerhalb der gewiesenen Einheit, das Recht hat, seine Eigenart auszugestalten.

Aber wir haben noch einen wichtigen Bundesgenossen bei unserer Arbeit: die Eltern. Uns übergeben sie ihr Teuerstes, ihre Söhne. Neun Jahre hindurch gehören sie fast mehr der Schule als dem Elternhause. Wir wissen den Wert dieses Gutes zu schätzen und fühlen wohl die Verant- wortung, die damit auf unsere Schultern gelegt wird. Aber wir bitten auch die Eltern, zu der wissenschaftlichen und pädagogischen Einsicht und dem guten Willen der Lehrer das Vertrauen zu hegen, auf dessen Grundlage allein Elternhaus und Schule gemeinsam Erfolge erringen können. Dem Gymnasium ist ein hohes Ziel gesteckt: es ist ohne Anstrengung und ohne ein gewisses Maß namentlich sprachlicher Begabung nicht zu erreichen. Eine leichte höhere Schule ist ein soziales Verbrechen: dieses Wort, das der Deutschrusse Zielinski aus tiefgreifender wissenschaftlicher Untersuchung wie bitterster Erfahrung im eigenen Lande gewonnen, gilt auch für uns. Helfen Sie daher der Schule, nicht durch unmittelbare Unterstützung in einem einzelnen Lehrfach, aber dadurch, daß sie den Geist der ernsten sittlichen Zucht, den Sinn für Gesetzlichkeit, die Achtung vor den ldealen des Wahren, Guten und Schönen pflegen, die der Schule heilig sind.

Euch aber, liebe Schüler, möchte ich zwei Worte großer deutscher Männer ans Herz legen, das eine aus der Feder des größten Preußenkönigs, den ihr ja alle kennt. Daß ich lebe, ist nicht nötig, schrieb Friedrich der Große, wohl aber, daß ich arbeite und meine Pflicht tue. Ein hartes Wort, nüchtern wie der märkische Sand, aber diese Gesinnung hat Deutschland groß gemacht und sie allein kann es so erhalten. Doch wir dürfen bei der Schroffheit dieses Spruches nicht stehen bleiben; das bloße Muß ist nur ein dürrer Stecken auf dem Lebenswege. Was wir sollen, muß in unseren eigenen Willen übergehen.Die Studien wollen nicht allein ernst und fleißig, sie wollen auch heiter und mit Geistesfreiheit behandelt werden, so mahnt uns der Sohn des heiteren und reichen Frankfurt, unser unsterblicher Goethe, und noch schöner läßt er seinen Bruder Martin im Goetz sagen: Freudigkeit ist die Mutter aller Tugenden. Nicht die laute Fröhlichkeit meint er damit, sondern jene stille und dauernde innere Freude, die aus dem frohen Gefühl der eigenen Leistung erwächst und dem herzlichen Vertrauen, daß solchem Tun der Segen von oben nicht fehlen werde. Denn beide Sprüche entfalten ihre Kraft erst recht in dem Glauben an den heiligen und gerechten Gott, der von uns unerbittlich verlangt, daß wir seine Gebote halten, aber auch an den gütigen und allweisen Vater, der keins seiner Kinder verloren gehen läßt und in der Welt, so wirr sie auch dem sterblichen Auge erscheine, doch das Gute zum Siege führt.

In diesem frohen Glauben wolle Gott uns alle stärken und erhalten und den Wunsch in Erfüllung gehen lassen, den bei der 300 jährigen Jubelfeier unserer Anstalt der damalige General- superintendent Nebe ihr zum Geleit gegeben hat.Wenn wiederum ein Jahrhundert verronnen, wenn von allen hier Versammelten kein Staub mehr zu finden ist, dann sei diese teure Schule noch das Kleinod der Stadt, der Segen des Landes.

Das walte Oott!