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Wissenschaft, in Religion und Staat, eigenartige Nationen mit eigner, aber verwandter Auffassung von Welt und Leben, mit dem Vorteil für uns, daß dort die Verhältnisse einfach und über-— sehbar sind, die Entwicklung abgeschlossen ist, und ohne Liebe und Haß können wir wie der Anatom an seinem Präparat für unsere eigene Praxis an der in sich geschlossenen Geschichte der Mittelmeerwelt unsere Studien machen. Das Altertum ist uns nicht mehr Norm, sondern Typus und Entwicklungsstufe, und zwar nicht nur in Werken der Kunst und schönen Litteratur, sondern in der ganzen Breite menschlichen Lebens.
Dabei ist in der Wissenschaft und ihr folgend in der Schule das Griechische in besändigem Aufsteigen gegenüber dem Römischen. Erst Johannes Schulze fügte es obligatoritsch dem Unterrichtsbetrieb ein. Doch drang in der Folge das alte Renaissance-JIdeal des Melanchthon wieder durch: lateinisches Sprechen und lateinischer Aufsatz erschien als die Krönung der Gymnasialarbeit. Das Gymnasium drohte aus einer Bildungsanstalt zur philologischen Fachschule zu werden, auf der Grundlage intensiven lateinischen Sprachbetriebes. Das ist heute überwunden. Die fortschreitende Wissenschaft hat die großartige Leistung des Römervolkes für die Organisation der menschlichen Gesellschaft immer klarer hervortreten lassen, aber sie hat auch gezeigt, wie die Römer auf fast allen anderen Gebieten nur als eifrige Schüler das nachgeahmt, verbreitet, bisweilen weiter fortgesetzt haben, was sie von den Griechen gelernt. Immer stärker tritt die gradezu fabelhafte Leistung des kleinen Griechenvolkes hervor, das bei einem schrankenlosen Individualismus, der alle staatlichen Gebilde unmöglich machte, für Kunst und Wissenschaft in weitestem Umfange das begabteste gewesen ist, das unsere abendländische Geschichte kennt.„Ich wüßte nicht, wozu der wahrhaft europäische Geist eine stärkere Liebe fühlen sollte als zum Attischen“; dies Bekenntnis entringt sich angesichts der Akropolis nicht einem der Idealisten vor 100 Jahren, sondern unserm modernen Dichter Gerhart Hauptmann, und in der Verbindung von Kraft und Ernst mit natur-— wüchsiger echter Heiterkeit, in der Vereinigung der ungebrochenen Weltanschauung des Kindes mit der exakten und reifen Weisheit des hohen Alters sieht er mit Recht die Eigenheit jenes wunderbaren Volkes, das wie kein anderes Kultur besessen hat, ohne sich der Natur zu entfremden.
Aber die gründliche geschichtliche Einsicht wirkt auch befreiend. Wir glauben heute an kein Idealvolk mehr, wir spüren überall die unüberbrückbare Kluft, die doch das Empfindungs- leben des modernen Menschen, des Deutschen und Christen von dem der Griechen und Römer trennt. Bei der Energie des Lebens, das auch die Lehrer wie Schüler umbraust, ist wahrlich keine Gefahr, daß wir junge Griechen und Römer erziehen könnten. Und wenn ich hier vorwiegend vom klassischen Altertum geredet habe, so ist das dadurch gerechtfertigt, daß auf ihm der Charakter gerade des Gymnasiums beruht. Einen Umweg führen wir freilich unsere Schüler und nicht jeder besitzt Zeit und Kraft genug, ihn zu gehen, aber wir sind überzeugt, daß die Jugend, die zu den Quellen unserer gesamten abendländischen Kultur d. h. eben zur Antike geführt ist, mit einem Blick, der durch die Erkenntnis des Werdens geschärft ist, das Gewordene erfassen, das scheinbar wirre Treiben der Gegenwart durchschauen, die ewig bleibenden Werte von den Tagesmoden unterscheiden und den Punkt finden wird, an dem sie selbst in Reih und Glied treten und an- dem großen Werke der Menschheit mitarbeiten kann.
Alle Kultur wurzelt im Idealismus, das spricht der Historiker Treitschke als Resultat seiner geschichtlichen Erkenntnis aus. Ideen, nicht Kanonen regieren die Welt. Auch unser Volk kommt doch nach dem Rausch, den der überwältigende Aufschwung der Technik gebracht, allmählich wieder zu der Einsicht, daß nicht auf der Erfüllung unserer Wünsche, sondern auf der unserer Pflichten unser Glück beruht, daß der Mensch nicht vom Brote allein lebt und es höhere Güter gibt als Geld und äußere Ehren. Zu diesen Gütern will das Gymnasium seinen Zöglingen den Weg weisen. In Konzentration auf verhältnismäßig wenige große Stoffe will es in ernster Arbeit den Geist stählen, den Willen stärken und eine Jugend ins Leben entlassen, gesund an Leib und Seele, mit dem ewig regen Trieb nach Wahrheit, zu erforschen, was erforschbar ist, und das Unerforschliche in Demut zu verehren, aber auch mit hellem Blick in die uns umgebende Welt und mit der Lust und Kraft, die Natur dem Menschengeiste zu unterwerfen, mit inniger Liebe zu deutschem Wesen und Fühlen.
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