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Freiheit wie ein heiliges Feuer gehütet, die auf dem Schlachtfelde und im Parlament den Bau des deutschen Reiches gegründet und ausgestaltet, die auf dem Gebiete der Naturwissenschaften, ja auch der Technik fast ebensosehr als auf dem der Geisteswissenschaften ihrem Volke die führende Stellung unter allen errungen haben. Und heute: folgt aus dieser geschichtlichen Tat- sache, daß auch für uns nur dieser eine Weg zu höherer Bildung führt? Mit nichten. Durch die Entstehung einer eigenen klassischen Litteratur, durch die Spezialwissenschaften und die Technik, die Ueberwindung der räumlichen Entfernung und die Ausgestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens hat unsere Kultur eine Breite erhalten, daß nicht ein einzelner oder eine gesellschaftliche Gruppe, sondern nur die Volksgesamtheit im Besitze ihrer Einheit ist. Schon Schulze sah sehr wohl, daß die zwiefache Art der menschlichen Anlagen mit dem Uebergewicht bald der Anschauung, bald des begrifflichen Denkens neben dem humanistischen Gymnasium eine höhere Bürgerschule mit der unmittelbaren Richtung auf das praktische Leben verlangte, und viele erbitterte Schulkämpfe wären unserem Volke erspart worden, wenn jene Schule nicht in kümmerlichen Anfängen stecken geblieben wäre. Doch hat sich allerdings erst im 19. Jahr-— hundert die der Anschauung entsprechende naturwissenschaftliche Seite menschlicher Kultur so stark entwickelt, daß ein ihr eigentümlicher Bildungstypus zwar noch nicht rein vorhanden, aber in der Entwicklung begriffen ist. Unser Schulsystem, wie es durch den Erlass des Kaisers vom 26. November 1900 über die Gleichwertigkeit der drei höheren Schulen ins Leben gerufen ist, wird ebenso der individuellen Anlage wie den geschichtlichen Verhältnissen gerecht. Alle Geschichte beruht auf dem Ineinanderwirken der konservativen, die Tradition fortspinnenden Kräfte mit den fortschrittlichen, die Gegenwart unmittelbar erfassenden und auf eine neue Zukunft drängenden. Dem entsprechen Universitäten und technische Hochschulen, Gymnasien und Realanstalten. Damit verschlingt sich der zweite schon angedeutete Gegensatz von Anschauung und Begriff, von ausserer Natur und geistigem Leben, der die einen mehr auf Beobachtung und Experiment und praktischen Betrieb moderner Sprachen verweist, dem Gymnasium andrerseits die Aufgabe stellt des gründlichen psychologischen und historischen Betriebes der Sprache und des ganzen Gebietes, das dieses feinste Erzeugnis des menschlichen Geistes umspannt. Aber freilich ist die Wirklich- keit stets reicher und verwickelter als die Kategorien des abstrahirenden Verstandes; wie jener trennt, so vereinigt das Leben. Zwischen Gymnasium und Realschule steht historisch geworden und sachlich notwendig das Realgymnasium. Alle drei Schulen sollen Bildung geben: daher darf keine einseitig sein. Denn Anschauungen ohne Begriffe sind nach Kants richtigem Urteile blind, Begriffe ohne Anschauungen leer. Alle drei Schulen wollen deutsche und christliche Jünglinge erziehen. Die Zukunft unseres Volkes ist mit dadurch bedingt, daß alle drei Richtungen kräftig und eigenartig sich weiter entwickeln und jede die andere bestehen läßt, daß sie sich nicht bekämpfen, sondern ergänzen und als treue Brüder gegenseitig fördern.
Die Zeit liegt noch nicht lange zurück, als man glaubte, alle Tradition über Bord werfen zu können und mit der modernen Naturwissenschaft allein alle Rätsel zu lösen. Wo man der Forschung fern steht, glaubt man das wohl noch heute. Die Wissenschaft hat diesen Irrtum längst als solchen erkannt und— wenn auch nicht ohne schmerzliche Enttäuschungen— überwunden. Wir haben vom 19. Jahrhundert den ungelösten Zwiespalt der Natur- und Geisteswissenschaft überkommen: es wird eine der größten Aufgaben des 20. Jahrhunderts sein, über diesen Konflikt zur Harmonie und zu einer einheitlichen Weltanchausung zu gelangen. Ihre Rückwirkung auf das Schulwesen wird dann nicht ausbleiben.
Die Wissenschaft ist schon mitten in jener Arbeit. Ein humanistischer Geist ist in die Naturwissenschaften eingezogen, so bezeugt der Berliner Philosoph Riehl; und je weiter diese über die Empirie und Sammlung zur Erklärung und Systembildung fortschreiten, desto mehr nähern sie sich der Antike. Andrerseits ist unsere Auffassung und Behandlung des Altertums realistischer geworden in Wissenschaft und Schule. Nicht nur suchen wir die Sprache psychologisch und geschichtlich zu begreifen, wichtiger ist noch, daß die Griechen und Römer uns keine blassen ldeale mehr sind, sondern Menschen von Fleisch und Blut wie wir, unsere Brüder, auch in ihren Fehlern, selbst nicht frei von Barbarei, aber mit denselben Problemen ringend in Kunst und


