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deutschem Geiste Werke entstanden wie Hermann und Dorothea und Iphigenie, beide ohne das Griechentum undenkbar und beide doch tiefste Zeugnisse deutschen und christlichen Fühlens.
Das Princip aber des Griechentums sah schon Herodot mit Recht in der eenενεσα, der freien Selbstbestimmung des Subjekts; und aus einer Verbindung der ldeale des Griechentums mit den reformatorischen Gedanken Luthers von der Freiheit und absoluten Selbstverantwortlichkeit des Christen erwuchs unter dem Druck der politischen Verhältnisse jene Neugestaltung des preußischen Staates vor 100 Jahren, mit der Steins Name unauflöslich verknüpft ist: dem Absolutismus trat das moderne Staatswesen gegenüber, gegründet auf die Mitarbeit freier Bürger, die sich in Volksheer und Verwaltung ausprägt. Auch hier ist Weimar der erste Staat gewesen,- der durch seinen großen Fürsten Karl August, denselben, an dessen Verdienste um unsere Schule gleich den Eintretenden unsere Gedächtnistafel mahnt, eine Verfassung erhielt. Dasselbe Prinzip legte Wilhelm v. Hiumboldt 1809 dem Bildungswesen zu Grunde: Erziehung zur Selbständigkeit durch Selbsttätigkeit.
Auch diesen zweiten Grundsatz hält das heutige Gymnasium unverrückbar fest. Grade darin liegt einer der Hauptgründe für die starke Betonung der Antike, daß bei ihr und bei ihr allein der Schüler in großem Umfange an die Quellen frei herantritt. Er soll und kann sich ein Urteil bilden über Sinn und Wert einer Dichterstelle, über die Glaub'würdigkeit einer historischen Darstellung, über die gültige Kraft des einfachen platonischen Raisonnements. Man kann in die Flemente aller geisteswissenschaftlichen Arbeit nicht anders einführen. Die Griechen sind dasjenige Volk, das den Begriff der Wissenschaft, der im strengen Sinne dem ganzen Orient fehlt, zum ersten und einzigen Male sich erarbeitet hat. Um nichts anderes ringen Sokrates und Plato ihr Leben lang. Darauf dringen sie: regiere den Willen durch die Vernunft und glaube an die Kraft der Vernunft und an den intellektuellen wie moralischen Fortschritt. Prüfe bei allem, was sich dir bietet, nur die Gründe, aber sieh nie die Person an. Mag dir dann eine Ueberzeugung noch so lieb sein: wird dir ihre Falschheit bewiesen, so beuge dich der Wahrheit und sei es blutenden Herzens. Dadurch ist auf theoretischem Gebiet der griechische, wie auf praktischem der römische Geist das Zuchtmittel zur inneren Wahrhaftigkeit;„e³αmo sollen die Jünglinge werden durch eigne Arbeit, nicht exoat, die nur den Schein lieben. Welche Tugend aber wäre uns heute nötiger als diese? Sie brauchen wir alle Tage im praktischen Leben, sie ist die Grundbedingung alles wirklichen Fortschritts. Was das Griechentum noch heute auch der Wissenschaft bietet, spricht der moderne Biologe Burkhardt mit den Worten aus: Griechische Wissenschaftlichkeit ist und bleibt das prometheische Peuer, aus dem auch unsre Wissenschaft Licht empfangend ihre Dämmerzustände, den Fluch des Spezialismus, siegreich überwindet.
Aus jenen Gedanken Herders, Goethes und Humboldts ging nun Fichtes Forderung hervor: Erneuerung der Nation durch eine neue Erziehung. Diese„deutsche Nationalerziehung“ im einzelnen durchzuführen, war dem preußischen Ministerialdirektor Joh. Schulze beschieden. Das Zirkularreskript, mit dem er im Jahre 1837 seine 20 jährige Tätigkeit zusammenfassend abschloss, ist bis heute im wesentlichen in Geltung nicht nur bei den preußischen, sondern bei allen deutschen Gymnasien. Auch er hat die entscheidende Anregung als Gymnasiallehrer im Weimarer Kreise erhalten. Dort schrieb er 1808 unmittelbar vor dem Erfurter Kongress die denkwürdigen und tapferen Worte:„Gerade jetzt muss der deutsche Jüngling mehr als je innigst vertraut werden mit der Bildung und Sprache des Altertums, damit er durch diese zur Klarheit des Denkens und Handelns gelange, damit er durch Vergegenwärtigung des hochherzigen griechischen und römischen Lebens, wenn ihm die Gegenwart das Kleine und Niedrige zeigt, wahre Grösse anschauen, bewundern, anbeten lerne.“—
Sie sehen, nicht idealistische Träumer wollte Schulze im Gymnasium erziehen, sondern praktische Patrioten. Die Geschichte hat ihm Recht gegeben. Wie weit auch heute die Urteile über das, was er geschaffen, auseinander gehen, wie sehr auch der spröde Stoff der Menschen und Verhältnisse, in den jene ldee hineingebildet werden musste, ihre Reinheit getrübt haben mag, das ist doch Tatsache: aus dem neuhumanistischen Gymnasium sind doch einmal jene Männer hervorgegangen, die in dunkler Zeit die Sehnsucht nach der deutschen Einheit und
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