Jahrgang 
1910
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geblieben sein Leben lang; auf der schicksalkundigen Burg, die fast zu unseren Fenstern herein- schaut, hat er nach dem Niederreißen des Alten den zweiten, schwereren Teil seiner Arbeit be- gonnen: den Aufbau des Neuen. Bei diesem Werke ließ er, noch vor der Organisation der Landeskirchen, seinen kräftigen Weckruf an die Städte erschallen: die Klosterschulen sind dahin, darum gründet neue Schulen im neuen Geiste und pfleget die alten Sprachen wohl; denn sie sind die Scheiden, in denen das Messer des Geistes steckt. Unter den ersten Städten, die diesem Rufe Folge leisteten, War unser Eisenach. In demselben Jahre noch, als unter den Stürmen des Bauernkrieges die Dominikaner aus ihrem Besitz vertrieben wurden, den sie 200 Jahre inne gehabt, begann die Stadt, wohl nicht ohne den Beirat Luthers und Melanchthons, mit der Reform ihrer alten Parochialschule, und 20 Jahre später wurde diese unter Mithilfe ihres kurfürstlichen Landes- herrn zur Stadt- und Landesschule entwickelt und in diese Räume des Dominikanerklosters ver- legt. Leider fehlte Luther die Muße und auch die Kenntnis des einzelnen, um die Neuordnung des Schulwesens selbst in die Hand zu nehmen. Nicht er, sondern Melanchthon wurde der praeceptor Germaniae. Wir werden heute urteilen, daß seine Schule mehr den Stempel des Humanismus als der Reformation trug. Er schuf eine Lateinschule, die sich auf dem schon altrömischen Ziel der imitatio aufbaute: ein zweiter Cicero zu werden, war der höchste Ehrgeiz für Lehrer und Schüler. Das entsprach vielleicht dem damaligen Kulturstandpunkt, aber es war doch die Form überschätzt, die Selbständigkeit des einzelnen und der Nation vernachlässigt. Trotzdem drang auf diesem Wege in das ganze Leben der höheren Klassen ein kräftiger Strom antiker Geistes- freiheit ein, und mit ihrer Hilfe konnte das 18 Jahrhundert, wie auf anderen Gebieten so auch auf dem der Schule, endlich die Konsequenzen aus dem reformatorischen Prinzip ziehen.

Von Weimar ging diese Weiterbildung aus- Auf Weimars Kanzel stand der Mann, welcher der Erziehung das hohe und feste Ziel wies: Bildung zur Humanität.Die höchste Humanität aber ist die Religion, die erhabenste Blüte der menschlichen Seele, ja eine Uebung des mensch- lichen Herzens und die reinste Richtung seiner Fähigkeiten. Der wahre Christ ist der wahre Mensch. Diesen Gedanken in seiner Schlichtheit und Tiefe zu bewahren, ist noch heute der Stolz des Gymnasiums; deshalb nennt es sich humanistisch. Es will nicht als Fachschule zu einem bestimmten Beruf vorbereiten und dem unmittelbaren Nutzen dienen. Die Fachbildung soll est dann beginnen, wenn das Gymnasium seinen Zögling als reif, eben für eine besondere Ausbil- dung entlassen hat. Es will auch nicht dem Idol einer allgemeinen Bildung nachjagen, in dem Sinne, daß der gebildete Mensch von allem etwas wissen soll. Das ist in Wirklichkeit bei dem Umfang unserer Kultur für niemanden möglich, am wenigsten für einen Jüngling von 18 19 Jahren. Ja, es ist auch nicht wünschenswert. Schon der alte Heraklit vor mehr als 2000 Jahren wußte es: Vielwissen nährt den Geist nicht; im Gegenteil, es führt zur Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit. Es schädigt den Charakter, es tötet allen wissenschaftlichen Ernst. Das Gym- nasium wüll nicht mehr aber auch nicht weniger, als das Kind zum Menschen heranbilden helfen d. h. den Jüngling mit der Fähigkeit und dem Triebe entlassen, im Kampfe des Lebens, es sei in welchem Berufe es wolle, sich selbst zu dem Ziele zu entwickeln, das Gott uns Menschen als Persönlichkeiten gesteckt hat, und an den Aufgaben der Kulturmenschheit im Reiche Gottes auf Erden mitzuarbeiten. Diese der Naturausstattung und Lebenslage des einzelnen entsprechende Form des inneren Menschen ist die wahre Bildung. Erwerben muss sie freilich jeder selbst, aber das Gymnasium will helfen sie zu finden.

Wie kam nun aber Herder von seiner Forderung der reinen Meuschlichkeit, der harmonischen und organischen, naturgemäßen Entwicklung des Menschentums zur Antiken? Es bewährt sich. auch hier der Satz, daß nicht die geschichtliche Forschung die Richtung der Entwicklung bestimmt, sondern umgekehrt jede Zeit aus der Geschichte das nimmt, dessen sie bedarf. Dem entspricht es, daß Herder sein wesentlich auf anderem Wege gewonnenes ldeal verwirklicht fand in der Griechenwelt. Erschienen ihm doch mit Recht Antike und Christentum nicht als Gegensätze, sondern wie auch uns heute als Entwicklungsstufen. Wir wissen alle, wie jene Richtung Herders von seinem größten Schüler Goethe fortgesetat wurde und wie nun, mit schärfster Ablehnung jeder direkten Nachahmung, aber doch durch eine Wiedergeburt des Griechentums aus