Jahrgang 
1910
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Antrittsrede des Direktors, gehalten am 19. April 1909.

Als unser Kaiser nicht lange nach seinem Regierungsantritt eine Konferenz zur Beratung über unser höheres Schulwesen berief und persönlich eröffnete, da gab er dadurch dem Gefühle Ausdruck, das etwa seit der Mitte der achtziger Jahre in steigendem Maße sich der Gebildeten bemächtigt hat: unter allen Angelegenheiten der Nation ist eine der wichtigsten die Erziehung der nächsten Generation. Wie jeder Vater wünscht, sein Sohn möge das erreichen, was ihm selbst einst als Ziel vorgeschwebt und wovon ihn die rauhe Wirklichkeit abgedrängt hat, so will jedes lebenskräftige Volk seiner Jugend den Weg ebnen zu dem, was es als sein ldeal ansieht. Die größte Bedeutung in dieser Beziehung haben aber die höheren Schulen; sollen doch aus ihnen die hervorgehen, welche jener ganzen Kulturarbeit Richtung und Leitung geben, die Offiziere der großen Arbeitsarmee der Menschheit. Schon ein Blick auf diese zahlreiche und erlesene Ver- sammlung zeigt, wie auch in diesem Lande und in dieser Stadt die Bedeutung der Erziehungs- frage empfunden wird, und ich fühle dabei doppelt ehrend das Vertrauen, das unser durchlauch tigster Landesherr und eine hohe Großherzogliche Regierung mir durch die Berufung in mein Amt geschenkt haben. Es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis, auch öffentlich meinen ehrerbietigsten Dank dafür auszusprechen. Insbesondere aber danke ich Ew. Excellenz für Ihr persönliches Erscheinen und für die freundlichen Worte, mit denen Sie mich, den Fremdling, aufgenommen haben. Ich weiß wohl, daß der rechte Dank durch die Tat geleistet wird, heute kann ich nur versprechen, die mir anvertraute Jugend jenen Zielen zuzuführen, die mir als die höchsten vorschweben, und Gott bitten, daß er mir Gesundheit, Kraft und Einsicht gebe, damit meinem Wollen auch das Vollbringen folge.

Das humanistische Gymnasium ist heute nicht von der Gunst der Zeit getragen, und wer auf die bewegenden Mächte der Gegenwart blickt, wird begreifen, daß es nicht anders sein kann. Gegründet vor genau 100 Jahren und zwar von einer Gruppe Höchstgebildeter, der gemeinen Not des Daseins Enthobener, deren Ideal die harmonische Ausgestaltung der einzelnen Persönlich- keit war, in einer Zeit, da die Deutschen gedankenreich, aber tatenarm im Rat der Völker kaum eine Stimme hatten, muß es den Widerspruch herausfordern heute, wo ein geeintes deutsches Reich nicht mehr um europäische, sondern um Weltgeltung ringt, wo das ganze Leben nach außen gekehrt ist und nicht nach innen, wo daher nicht das vollendete Kunstwerk im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern die Unterwerfung der Naturkräfte und die Eroberung der Erde, wo der unmittelbare Nutzen die Welt regiert, wo im sozialen Ringen der Stände und Klassen der einzelne zur Zahl herabgedrückt wird. Es ist gut, sich diesen Umschwung der Dinge nicht zu verhehlen, die Zeit des japanisch-russischen Krieges und der beginnenden Luftschiffahrt nicht auf eine Stufe zu stellen mit der, als man von Eisenach nach Weimar zwei Tage mit der Postkutsche fuhr und sich nicht darum zu bekümmern brauchte, wenn hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlugen. Nur dann kann man zur Klarheit darüber kommen, was das Gymnasium uns noch heute leisten soll und wie es das leisten kann.

Das Weimarische Land darf den Ruhm in Anspruch nehmen, in der Geschichte unserer Bildung und des auf ihr beruhenden Schulwesens nie an letzter, oft an erster Stelle gestanden zu haben, In der Umgegend von Eisenach ist die weitverzweigte Familie der Luthers heimisch, auf der Georgenschule, aus der dieses Gymnasium hervorgegangen, hat Martin Luther die wichtige Entwicklungszeit vom 15. bis 18. Lebensjahre zugebracht, und Eisenach ist seine liebe Stadt

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