Das Weib nimmt in der primitiven Gesellschaft eine Stellung ein, die ganz ebenso voller Widersprüche ist, wie bei den höchstzivilisierten Völkern.
Ratzel.
Das Kulturbild, das uns in den homerischen Gedichten entgegentritt, ist infolge ihrer Ent- stehungsweise nicht einheitlich. Man kann es wohl mit einem alten Münster vergleichen, an dem Jahrhunderte bauten und daher die verschiedensten Bauweisen zu sehen sind. Dabei darf aber ein Unterschied nicht übersehen werden: an dem Gotteshause baute jeder Meister getrost im Stile seiner Zeit, aber den Schöpfern der homerischen Gedichte standen Mythus, Sage und Kultgebräuche gegenüber, die dahin wirken, längst vergangene Kulturzustände festzuhalten. Die Dichtung schil- derte ferner bewußt eine vergangene Zeit, die nur im Gesange noch existierte. Aber wir merken doch, daß die Dichter aus ihrer eigenen Mitwelt Züge in jene hineintrugen, daß sie ferner vielfach den Stoff umgestalteten, da ihnen die alten Anschauungen für den dichterischen Zweck nicht paßten. Und obwohl die verschiedenartigen Bestandteile durch einen großen Dichtergeist zu einer Einheit verschmolzen sind, die diejenige eines solchen alten Münsterbaues weit übertrifft, So tragen doch die einzelnen Stücke den Stempel verschiedener Zeiten; dabei ist aber die Zeit, in der der dargestellte Stoff entstand, vielleicht als Mythe oder Sage, vielleicht in einer poetischen Gestalt, die der jetzigen ähnlich war, von der Zeit zu unterscheiden, in der er seine jetzige Gestalt erhielt. Denn auch in Stücken, die der Entstehung nach jung sind, finden sich Ueberreste alter Zustände und Anschauung. Soweit nun eine Entwicklung deutlich zu erkennen ist, wird es möglich sein, einen Rückschluß auf die Entstehungsweise der Gedichte zu ziehen, die Widersprüche in ihnen vielfach anders zu beurteilen als vom rein ästhetisch-kritischen Standpunkte aus.
Diesem Verhältnisse von Kulturschilderung zum dichterischen Werden möõchte ich in einem Punkte nachgehen, der für Zustände und Anschauung von größter Bedeutung ist: in der Stellung der Frau innerhalb der homerischen Gesellschaft.
L. Bloch unterscheidet in seinen„Alkestisstudien“(Neue Jahrb. 1901 S. 24 ff.) in einer groß- zügigen Uebersicht drei Schichten: die Urilias, die ionische Umgestaltung und das junge, unter hesiodeischem Einflusse stehende Epos. Er konstatiert dabei, wie die soziale Stellung der Frau- sich stufenweise hebe und damit ihre dichterische Bedeutung, auf die es ihm ankommt. Ich möchte lieber die Methode P. Cauers befolgen, der in seiner allgemeinen kulturgeschichtlichen Uebersicht(Grundfragen S. 168 ff.) die Gedichte zunächst als überliefertes Ganze hinnimmt und aus Anzeichen kultureller Entwicklung auf„Kulturschichten“ zurückschließt, wobei er als Beispiel u. a. ein Stück homerischer Frauenfrage behandelt(S. 187 ff.), nämlich den Uebergang von Braut- kauf zu Mitgift. Ebenso möchte ich von der ganzen Frage, die mit den verschiedensten Verhält- nissen der homerischen Gesellschaft verflochten ist, nur einen Teil herausgreifen(schon wegen des geringen Raumes, der mir zur Verfügung steht) und mich wesentlich auf zwei konkrete Stücke


