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Magie und Divination sind in Indien ungemein haäufig. Ihre Medien sind entweder die Dämonen oder die sogenannten Tanu, Körper, Elemente, Substanzen, welche sich im Orga- nischen oder Unorganischen verkörpern. Sie können im Tiger oder in der Kuh, im Weibe oder in der Herde, im Opferpfosten oder im Fleisch, in den Haaren oder im Horn des Stieres ihren Wohnsitz aufschlagen. Der Mensch muß auf seine Fußstapfen, sein Bild, ja seinen Namen achten,
denn durch Einfluß auf diese kann ein Zauber über ihn Macht erhalten.
Einzelne Beispiele sollen das beweisen. Um den bösen Geistern zu entgehen, muß man fasten, Keuschheit wahren, den Atem anhalten, schweigen, sich in unkenntlich machende Gewänder kleiden, abgeschnittene Nägel und Haare vergraben(vgl. das Nahak), sich bei den Totenopfern nicht umsehen, seine Spuren auf dem Boden verwischen und dergl. In Verbindung kann man sich mit glückbringenden Dämonen dadurch setzen, daß man Zauberkräftige Substanzen berührt, sich mit ihnen salbt oder sie in der Opferspeise aufißt. Um den Regen herbeizuziehen, tanzen Mädchen mit gefüllten Wasserkrügen um ein Feuer und singen ein Zauberlied dabei. Will man die Zukunft erforschen, muß man den Lauf oder Flug von Tieren, der Hyäne, Eule, Krähe, beobachten. Wer zu erfahren begehrt, ob ein Mädchen eine gute Frau wird, lasse sie einen von verschiedenen Erdklößen wählen, die zum Teil aus glücklichem Boden, einer Ackerfurche, einem Kuhstall u. s. w., zum Teil aus unglücklichem, wie einer Leichenstätte oder einem Kreuzweg, ge- nommen sind.
Auch im Opfer, welches sonst meist reineren Motiven dient, ist vielfach Zauber versteckt, besonders bei denen, die mit Hochzeit, Jünglingsweihe, königlicher Salbung und anderen öffent- lichen Angelegenheiten verbunden sind. In erster Linie kommt hier die Sitte des Diksha in Betracht, bei der der Opferherr so fasten und sich kasteien muß, daß„nur noch Haut und Knochen an ihm aneinanderhängen“ und er zuletzt oft in heilige Raserei ausbricht.
Eine ganz eigenartige Ausbildung hat diese Seite der Hindureligion in dem späteren System des vYoga erfahren. voga, zusammenhängend mit dem lateinischen jungo, bedeutet„Anbinden“, »Verknüpfung der Seele mit dem Höchsten“, UÜbung, Askese. Es ist einerseits ein Philosophisches System, am ausführlichsten beschrieben von Markus(Vogaphilosophie)²², andererseits eine prak- tische Anleitung zur Zauberei. UÜber diesen Punkt stehen mir aus Indien nähere Nachrichten nicht zu Gebote, wohl aber aus China, wo von der Goltz in seiner Abhandlung: Zauberei und Hexen- künste in China, Tokyo 1893 ²3 die Sache ausführlich behandelt. Er weist nach, daß das Voga- system jedenfalls im 7. nachchristlichen Jahrhundert von Indien nach China gekommen ist, und gibt aus dem Zauberbuch Wan-shou-huen-shu, d. i. die Kunst, Unsterblichkeit zu erlangen, 34 höchst instruktive Abbildungen von UÜbungen chinesischer Heiliger und Zauberer, welche dazu dienen, Krankheiten zu vertreiben, sich unsichtbar zu machen, sich Unsterblichkeit, Reichtum u. S. w. zu verschaffen, z. B. No l1: Der Übende setzt sich mit geschlossenen Augen, untergeschlagenen Beinen, zusammengelegten Armen hin und sammelt seine Gedanken, wobei er die Zähne auf— einanderbeißt und den Atem anhält. Die rechte Hand wird auf das rechte, die linke auf das linke Ohr gelegt, mit dem vierten Finger jeder Hand das betreffende Ohr zugehalten, und mit dem Mittelfinger vierundzwanzigmal auf den Hinterkopf geklopft.
Wie eine ganze Anzahl philosophischer Vorstellungen und kultischer Handlungen, so sind auch viele niedere auf Zauberei und Hexenwesen bezügliche religiöse Gebräuche auf diejenige Religion übergegangen, welche eine Zeit lang dem Brahmanismus in Indien die ernstlichste Kon-


