Jahrgang 
1907
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kurrenz gemacht hat, auf den Buddhismus. Ursprünglich war er, wie bekannt, die auf den adligen Asketen Siddhatta(500 v. Chr.) zurückgeführte Philosophie einer wandernden Mönchs- gemeinde. Aber je weiter er sich verbreitete, je mehr er sich zum populären Verständnis der großen Masse herabließ, desto eifriger wurde er mit Aberglauben, Zauberspuk und krasser Reliquien- verehrung versetzt. Ursprünglich hatte der Jünger Buddhas die Offenbarung der Gottheit gesucht durch Einsicht in die Nichtigkeit aller Weltendinge, später gewann er sein Seelenheil durch An- betung der Reliquien Buddhas, besonders seines Augenzahnes(über den ein ausführliches Buch Die Zahnchronik 24 aus dem Jahre 310 n. Chr. existiert), durch Amulette, Medizinen, Unsterblich- keitspillen, Ablaßzettel u. S. W. So ist es bis heute geblieben. Zauberspuk, Phallusverehrung, Anbetung der Guru oder Priester als Götter, Animismus und Fetischismus haben in den indischen Buddhatempeln festen Fuß gefaßt.

Bekanntermaßen wurde der Buddhismus durch den wiederauflebenden Brahmanismus aus Indien, mit Ausnahme Ceylons, verdrängt, hat aber in Ostasien eine ungeheure Anzahl von Anhängern gefunden.

2) In China haben wir neben der altchinesischen Reichsreligion, deren Grundlagen noch heute zu erkennen sind, den Buddhismus, den von Lao-tse gestifteten Taoismus und den Con- fucianismus zu unterscheiden. Diese sogenannten Hauptreligionen Chinas sind dabei nicht streng von einander getrennt, sondern gehen vielfach ineinander über. Sie sind in tiefen Verfall geraten, und wenn irgend ein Volk mit seinem Spiritismus und Animismus den Naturvölkern nahesteht, so sind es die Chinesen.

Uber die alte Form ihrer Religion hat uns neben A. Réville, J. Legge, J. Edkins, besonders J. H. Plath ²⁵ vortrefflich unterrichtet. Die ganze Religion geht auf in Geister- und Ahnen- verehrung.»Wie vollkommen ist doch die Wirksamkeit der Geister! Du gewahrst sie und siehst sie doch nicht, viel, viel sind ihrer wie das weite Meer, oben und unten, rechts und links. Sie wurden offenbar nicht körperlos gedacht, sondern verbunden mit den Dingen, die sie nach Belieben bewohnen oder verlassen können. Besonders gern nehmen sie Tierformen an. Es bedarf nur eines Wechsels der Melodie der Opfermusik, um die befiederten Dämonen herbeizuziehen, zweier, die unbefiederten, dreier, die mit Schuppen versehenen, vier, die behaarten, fünf, die mit Schalen gepanzerten, sechs, um die Sterngeister sich dienstbar zu machen. Bei dieser Opfermusik werden Trommeln verschiedener Größe verwendet, deren betäubender Lärm jedem Ostasienreisenden in schlimmer Erinnerung ist.

Zur Ausübung dieses Zaubers ist natürlich ein ganzes Heer von Zauberern, Zeichen- deutern, Wahrsagern, Traumdeutern und Astrologen nötig, welche die auffallendste Ahnlichkeit mit den Schamanen der benachbarten Mongolen- und Tartarenstämmen Sibiriens zeigen.

Auch der weise Confuzius²s, der c. 500 v. Chr. auftrat, nat an diesen niedrigen religiösen Vorstellungen seiner Landsleute wenig geändert. Er war überhaupt mehr Moralphilosoph als Religionsstifter. Lao-tse, sein älterer Zeitgenosse, war wohl in erster Linie Mystiker, Verkünder einer tiefsinnigen Philosophie, aber seine jetzigen Vertreter sind die allerniedrigsten Zauberpriester. Auch der im ersten nachchristlichen Jahrhundert nach China eingewanderte Buddhismus hatte schon eine sehr verzerrte Gestalt und war auf die Dauer nicht im Stande, China auf ein höheres religiöses Niveau zu heben. So hat denn das Land der Mitte trotz aller Kulturerrungenschaften der Vergangenheit bedauerliche religiöse Zustände aufzuweisen. Dies geht für die Gegenwart