Jahrgang 
1907
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10 und des Gaurisankar, von Bäâumen, wie der Esche bei den Kirgisen, der Platane in Lydien, und von Tieren, wie des Bären auf der Insel Vesso, des Wolfs, Fuchses u. s. w. bei den Indianern, der Schlange fast überall bei den Naturvölkern verbreitet ist.

8) Wenn wir das ganze Gebiet der Naturreligionen mit ihren Zauberern und Wahrsagern, ihrer Eingeweideschau und ihren Orakeln, ihren Hexenprozessen und geheimen Kulten, ihrem Animismus und Fetischismus noch einmal überblicken, so zeigt sich, daß jene Naturmenschen in ihrer Einsicht und Gottesverehrung vor allem durch zwei schwere Fehler beeinträchtigt werden. Der logische Fehler ist der, daß sie Zufälliges für ursächlich halten, der religiöse der, daß sie durch Zauber Macht über die Gottheit zu erlangen suchen und so das Göttliche in das niedrige und niedrigste menschliche Getriebe herunterziehen.

Wenn wir von der niederen Stufe der Naturvölker zu der höheren der

III. Kulturvölker

emporsteigen, so sollten wir erwarten, daß die niederen Elemente der primitiven Religion in ihrer höheren Kultur völlig überwunden wären. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Die primitive Religion ist so mächtig, daß sie sich als Unterströmung überall auch in den Kultur religionen und sogar im Christentum erhalten hat.

Werfen wir zunächst einen Blick 1) auf das Wunderland Indien, nach dem es jeden mit heißer Sehnsucht zurückzieht, der es einmal betreten, nach dem seit Schopenhauer die Blicke vieler fragend und forschend hinüberschweifen, in deren Leben das Christentum seinen Einfluss ver- loren hat. Indiens Religion und Philosophie ist erst seit etwa fünfzig Jahren durch eifrige Forschungen dem Dunkel, das sie bis dahin umgab, nach und nach entrissen worden. Ein Haupt- verdienst dabei fällt bekanntlich unserem Landsmann Max Müller ²o und seiner Schule zu. Er war davon überzeugt, daß bei den Hindu die hohen Himmelsmächte, wie Varuna und Indra, Rudra und Agni, Ushas und die Acvin, die Personifikationen der gewaltigen Himmelserscheinungen, fast einzig das Pantheon bevölkerten. Ihm traten aber, je länger, um so energischer die Anthro- pologen und Folkloristen mit der Behauptung entgegen, daß auch in der indischen Religion Geister und Dämonen, Hexerei und Zauberwesen ebenso wie sonst in der Welt zu Hause seien. Beiden Anschauungen wird für Indien in vorzüglicher Weise Hermann Oldenberg gerecht, dessen Buch überDie Religion des Veda jetzt als die beste Monographie über den Gegenstand gilt. Er sagt(S. 476):Dem Kenner der Zauberbräuche, welche im wesentlichen gleichartig bei den höher wie den tiefer stehenden Nationen erscheinen, wird die nachstehende Darstellung bestätigen, daß auch die indische Uberlieferung ein Exemplar eben jenes über die Erde verbreiteten Typus ist. Zwei Seelen scheinen in dem Veda zu leben. Bei sehr vielen Hymnen des Rig-Vedai, des ältesten Bestandteiles der vedischen Litteratur, gewinnen wir den Eindruck, als ob die Opferpriester ihre herrlichen Psalmen nur an die höchsten Gottheiten richteten und fast an den Monotheis- mus streifen. Auf der anderen Seite bietet uns der im ganzen jüngere, aber oft auf uraltes Material zurückgehende Atharva-Veda fast nur Zaubersprüche, Beschwörungsformeln u. dergl. und scheint nur den niedrigen Instinkten der Religion gerecht zu werden. Die Löõsung dieser rätsel- haften Erscheinung wird wohl darin bestehen, daß die Anfänge der indischen Religion wohl auch tief in Zauberei und Animismus gesteckt, die höheren Geister der Nation sich aber allmählich zu der Anbetung hehrer Himmelsmächte erhoben haben.