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und leistet am nächsten Morgen Sühne. Ein Häuptling sucht sich wohl auch einen Kleiderfetzen seines Gegners zu verschaffen und ist gewiß, dadurch Zaubermacht über ihn erhalten zu haben.
Aber auch die Götter kann man in seine Gewalt bekommen. Dies zeigt sich in allen den verschiedenen Erscheinungen des Fetischismus. Fetisch kommt von dem portugiesischen Wott feitico, lat. factitius, mit Händen gemacht. Jedes belebte oder unbelebte Ding, ein Stein, Klotz, Stück Holz, Eisen, Lumpenfetzen, Pfeil, Eidechse, Wenschenpuppe kann zu einem solchen Zaubermittel werden. Die Entstehung dieses merkwürdigen und in den meisten Fällen unwürdigen Glaubens haben wir uns etwa so zu denken: Ein Wilder tritt am Morgen vor die Tür seines Zeltes, um einen Jagdzug anzutreten. Da trifft sein Auge der Strahl von einem hellblinkenden Kiesel. Erstaunt ergreift er das glitzernde Ding und steckt es in seine Jagdtasche. An diesem Tage ist ihm das Jagdglück besonders hold. Woher kann das kommen? so fragt er sich. Der blinkende Stein, in dem irgend ein Dämon sich verkörpert hat, wird ihm die reiche Beute ver- schafft haben, so schließt er in seiner naiven Logik. Zwei zufällig zeitlich zusammen-— treffende erstaunliche Tatsachen müssen nach seiner Meinung ursächlich mitein— ander verbunden sein. Nun wird der Stein sein Fetisch, den er als Amulett bei sich trägt und als Gott verehrt. Bleibt das Jagdglück aber dann oft aus, so schmäht er sein Idol, tritt es mit Füßen und wirft es schließlich weg, um sich ein neues zu wählen. Hier, wo die Gottheit zum Sklaven des Menschen herabgewürdigt wird, haben wir das unendlich weit verbreitete Gebiet des niedrigsten Glaubens, der uns— in erschreckend ähnlicher Gestalt— noch heute bei vielen Kulturvölkern als Aberglaube begegnet.
5) Wesentlich sympathischer ist die Verehrung der Ahnen, die gleichfalls einen Hauptbestandteil der Naturreligionen ausmacht. Sie hängt aufs unmittelbarste mit der Annahme der Unsterblichkeit der Seele zusammen, die bei den meisten jener Völker verbreitet ist. Die Seele des Verstorbenen wandert aus dem Körper aus, bleibt aber oft noch jahrelang als Geist in der bis dahin innegehabten Hütte oder deren Nähe wohnen. Oder sie zieht in eine Toten- region in der Tiefe der Wälder, auf den Gipfeln der Berge, auf fernen westlichen Inseln oder in dem Schattenland der Unterwelt, zu dem z. B. die Sulukaffern mehrere höhlenartige Eingänge kennen. Aber die Geister der Ahnen sind nicht in jene Regionen gebannt, sie können auch zu den Lebenden zurückkehren und als Schutzgeister sie aus mancher Not erretten oder als Quälgeister nächtliche Angst, Herzbeklemmung, Krämpte, Fieber, Pest, Wahnsinn oder Tod bringen. Deshalb ist es notwendig, daß man sie nicht beleidigt, zu ihnen betet, ihnen opfert und jedes Jahr ein oder mehrere Allerseelenfeste feiert.
6) Gebet und Opfer, meist in recht egoistischer Form, um sinnliche Güter und äußeren Schutz zu erlangen, werden auch den Dämonen und Göttern dargebracht. Ihnen zu Ehren finden auch die Gebräuche des Tatuirens(Tätowierens) und der Beschneidung, bei welchen der Mensch Schmerzen auszustehen hat, oder Selbstpeinigungen, wie Körperverstümmelungen, das heilige Schwitzbad der Indianer u. A. statt. Den Göttern ist das Tabu geweiht, ein scharf ab- gegrenzter heiliger Bezirk, der von keinem profanen Fuß betreten werden darf. In ihrem Dienst werden die geheimen religiösen Verbindungen und Mysterien gestiftet, die bei Negern und Poly- nesiern oft in ausschweifende sinnliche Feste ausarten.
7) Mit einem Wort möge nur noch erwähnt werden, daß die Verehrung von Steinen, wie der Kaaba, schon bei den vormuhammedanischen Arabern, von Bergen, wie des Kilima-Ndscharo
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