teilgenommen, so mußte ein anderer, innerer, unsichtbarer Teil seines Selbst diese Dinge erlebt haben, der aus dem Körper auswandern und in ihn zurückkehren konnte. Diese Innenseite seines Ichs nannte er Seele oder Geist. Dieselbe Erfahrung machte der Naturmensch bei jedem Todesfall von neuem, zumal wenn der Geist des Verstorbenen im Traum ihm drohend oder tröstend erschien. Ahnliche Eindrücke riefen die Beobachtung von Epileptischen, Visionären und Ekstatischen hervor, die anscheinend von fremden bösen Geistern gequält oder von ihrem eigenen Geist zu Zeiten über sich selbst hinaus entrückt wurden. So lernte die primitive Menschheit die Seele kennen und sie als das Höhere, das Innere, das Bewegung und Leben Gebende vom Körper unterscheiden.
Nun war aber auch der Rückschluss geradezu selbstverständlich, daß alles, was sich be- wegte, eine Seele haben müsse, und zwar auch der fallende Blitz, das raschelnde Blatt, der in der Sonne blinkende Kiesel. Diese Kraftzentren aber, diese Seelen oder Geister, welche die ganze Welt belebten, hatten noch etwas Schemenhaftes an sich, sie waren noch nicht fest umrissen, noch nicht Personen geworden. Dies ist erst bei den Kulturvölkern geschehen, bei denen aus der animistischen die mythologische Weltanschauung erwuchs mit ihrer vielgestaltigen Götterwelt, ihrer reichen Poesie und ihren Ansätzen zur Naturphilosophie, auf die ich am Ende meiner Arbeit zurückkommen werde. So ist auch der Animismus, genau besehen, mehr eine rohe Philo-— sophie, als eine primitive Religion, nicht die Gottesverehrung, sondern die Weltanschauung der Naturvölker.
In dem Rahmen dieser Weltanschauung treten uns nun die Einzelerscheinungen der primitiven Religion entgegen.
2) Ihre Hauptvertreter, ihre Priester sind nun bekanntlich die Zauberer, auch Wahrsager, Medizinmänner, Regenmacher, Fetischmänner, Inspirierte, Hexenmeister oder nach einem sibirischen Wort„Schamanen“ genannt. Die Zauberei verstehen durchaus nicht alle unter den„Wilden“, sondern sie ist eine Kunst, die oft unter vielen Selbstqualen erlernt werden muß. Die Schamanen nehmen gern Knaben, die zur Epilepsie neigen, Zwerge oder Albino's als Zöglinge in ihre Dienste. Bei den Kaffern heißen die Heilzauberer„Tsanuse“. Nicht jeder darf sich beikommen lassen, ein solcher zu werden. Er muß sich von Jugend auf durch Tatkraft auszeichnen, im Jünglings- alter von allerlei Wunderbarem, zumal von Schlangen, Löwen, Tigern, den Verkörperungen der Ahnen, träumen und bisweilen in Verzückung fallen. Dann begibt er sich bei einem Tsanusen in die Lehre und bezahlt dafür eine Ziege. Den höheren Kurs, der einen Ochsen kostet, macht er bei einem berühmten Zauberer durch. Hier lernt er kräftige Heilmittel, wilde Tänze und An- rufung des Zaubergeistes. Hat er ausgelernt und ist in seinem Beruf geschickt, so wird er ein reicher und gefürchteter Mann. Das äußere Auftreten der Schamanen aller Länder ist sehr ähnlich. Sie zeigen sich meist mit der Zaubertrommel, der Klapper oder dem Muschelhorn, in phantastischer Tracht, mit fliegendem Mantel, geschmückt mit Tierknochen und Vogelklauen, oft umwunden von gefürchteten Schlangen. Ihre Wohnung ist eine Stätte des Schreckens für jeden Uneingeweihten, ihr Rat meist entscheidend in der Versammlung. Sie mischen den Gifttrank bei den Gottesgerichten, sie leiten das Verfahren bei den Hexenprozessen, einer Pest, die schlimmer unter den Naturvölkern haust, als irgend eine einheimische oder von Europäern eingeschleppte Seuche. Sie heilen angeblich Krankheiten oder zaubern sie an, sie ziehen den Regen herab oder halten ihn zurück. Sie sind die Herren über Leben und Tod. Die Sterblichen würden unsterblich


