Jahrgang 
1907
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teils auch wieder sich in Dingen einkörpern. Je nachdem man das eine oder das andere für das ursprünglichere hält, kommt man zu einer der beiden Hypothesen, um die sich der Streit noch dreht: Nach der einen war die primitive Religion Naturvergötterung(Naturismus), nach der anderen Ahnenvergötterung.

Beide Formen der primitiven Religion faßt E. B. Tylor unter dem gemeinsamen Begriff des Animismus zusammen. Ich schließe mich dieser Ansicht in der Hauptsache an. Im ganzen halte ich die Verehrung der Naturdinge für die höhere Form; besonders die Naturerscheinungen von Sonne, Mond und Sternen, von Tag- und Nachthimmel, von Blitz und Donner, Sturm und Regen, deren überwältigende, teils Leben, teils Vernichtung bringende Wirkung von menschlicher Seite nicht beeinflusst werden kann, zwingen auch den Naturmenschen zur Selbstdemütigung, zu Ehrfurcht und zu Dank. Aus ihrer Anbetung haben sich schon auf rohen Entwickelungsstufen Ansätze zu Polytheismus, zur Verehrung eines Schöpfergottes, Erlösungsmythen und dergleichen nerausgebildet. Sie sind dann in den polytheistischen Kulturregionen immer weiter entfaltet worden und haben sich auch für noch höhere Religionsformen entwickelungsfähig gezeigt. Die andere Seite der primitiven Religion, der Ahnenkult und was damit zusammenhängt, ist die niedere Seite in dem Glauben der Naturvölker. Zu ihr gehören vor allem folgende Religionsformen: Seelenglaube, Geister- und Gespensterglaube, Fetischismus, Hexerei und Zau- berei, Wahrsagung, Anbetung von rohen Gôtzen. Meist zieht man auch den Stein-, Berg-, Baum- und Tierdienst mit hierher. Von dieser Form der primitiven Religion will ich nun in folgendem vor allem handeln.

Ich wende mich zuerst zu den

II. Naturvölkern,

bei denen uns alle diese Erscheinungen in der originalsten und am wenigsten mit anderen Ele- menten vermischten Form entgegentreten ¹⁹.

1) Aber ehe ich von ihrem Glauben und ihren Bräuchen im einzelnen rede, ist es nötig, diejenigen Vorstellungs- und Denkformen oder mit andern Worten diejenige Weltanschauung kennen zu lernen, welche ihrer Religion zugrunde liegt, in deren Grenzen sie sich fortwährend bewegt und die auch bis tief in die Ideen der Kulturvölker des Altertums und der Gegenwart hineinragt: Es ist dies der Animismus.

Animismus, von dem lateinischen anima Seele, ist bekanntlich diejenige Auffassung, welche sich die ganze Welt, und zwar nicht bloß die Menschen und Tiere, sondern auch die Gestirne, das Wasser, die Wolken und die unorganischen Gegenstände auf der Erde, wie Steine, Felsblöcke, Klötze u. s. w. als dauernd oder Zeitweilig von einer Seele, einem Geist oder Dämon bewohnt denkt.

Wie die verschiedensten Stämme der Erde, gewiß meist unabhängig von einander, auf diesen Gedanken verfallen sind, ist nicht schwer zu erklären. Wenn der Wilde in seinem Zelt träumte, wie er durch weite Jagdgründe den Büffel verfolgte und erlegte, oder wie er in der Nacht vom Feinde überfallen, schon das Messer an seiner Kehle fühlend, mit einem Angstschrei erwachte, und wenn er sich dann mitten unter den Seinen auf sicherem Lager fand, da mußte er nach seinem Fassungsvermögen die Ereignisse des Traumes, die ihn aufs höchste erfreut oder gequält, als eine Wirklichkeit ansehen. Hatte aber sein äußerlicher Mensch, sein Körper, nicht daran