Klasse der halbkultivierten Völker einzuschieben. Dann rechnet man Neger, Indianer, Ozeanier, Arktiker u. s. W. zu den kulturlosen, Azteken, Mittelamerikaner, Peruaner, möglicher Weise auch die höheren Malaien und andere zu den halbkultivierten, Chinesen, Japaner, Hindu, Aegypter, Babylonier, Assyrer, Perser, Europäer(mit Ausnahme der Finnen und Lappen) zu den kultivierten Völkern.
Hier haben wir es zunächst nur mit den unkultivierten Völkern zu tun. Sie sind gewiss primitiv in dem Sinne, daß sie im Verhältnis zu den nalbkultivierten und kultivierten Völkern auf einer niedrigen Stufe der Entwickelung stehen, daß sie in den meisten Geistesfunktionen, in Sitten und Gebräuchen u s. w. dem Kindesalter noch nicht entwachsen sind, daß ihre Vorstellungen von Gott, Mensch und Welt meist einen völlig naiven Standpunkt verraten. Sind sie aber auch primitiv in dem Sinne, daß sie uns nun wirklich noch die erreichbar ursprünglichste Entwickelungsform der Menschheit zeigen, auf welcher Vor Jahrtausenden auch alle Kultur- völker einmal gestanden haben? Oder war der Urzustand der Menschheit ein höherer und hat sich nur bei den Kulturvölkern erhalten, ja ist von ihnen sogar bedeutend überschritten worden, die Naturvölker aber sind von diesem Urzustand herabgesunken, sind degeneriert? Darüber kann man gewiß streiten und hat gestritten. Es wird auch richtig sein, wenn einige Anthropologen nachgewiesen haben, daß bei manchen Naturvölkern ein höherer Stand der Kultur aus früherer Zeit, ehe sie von europäischen Forschern entdeckt wurden, sich zeigen läßt. Aber andrerseits ist in den letzten Jahrzehnten durch ein ungeheures Material der strikte Nachweis erbracht worden, daß das Gefühlsleben und die Gedankenwelt, die Sitten und Bräuche, die Anfänge von Gewerbe und Kunst, die religiösen Vorstellungen aller Naturvölker, wenn sie auch in den verschiedensten Zonen und unter den abweichendsten Daseinsbedingungen leben, doch die frappanteste UÜber- einstimmung zeigen. Daraus geht doch deutlich hervor, daß die Naturvölker, so wie sie sind, auch in dem Sinn primitiv genannt werden müssen, daß sie dem Urzustand der Mensch- heit am nächsten stehen. Denn ihr jetziger Zustand kann doch nicht bei allen auf Degeneration beruhen.
Dazu kommt nun noch der weitere besonders durch die eingehenden Studien der Folkloristen und Spezialforscher erbrachte Beweis, dass dieselben primitiven Vorstellungen und Bräuche auch bei allen Kulturvölkern, wenn auch meist verborgen unter der Decke ihrer jetzigen Kultur, in überraschendem Maße vorhanden sind. Da diese unkultivierten Zustände inmitten der Kulturvölker sich mit denen der jetzigen unkultivierten Völker decken, so ist der Schluss unaus- weichlich, daß wir in dieser Unkultur den Urzustand auch der jetzigen Kulturvölker erblicken, über den sie sich erst in jahrtausendelanger Entwickelung erhoben haben.
b) Die weitere Frage muß nun lauten: Wie steht es mit den religiösen Vorstellungen und Bräuchen in diesem Zustande der Unkultur der Natur- und Kulturvölker?
Von den verschiedenen Hypothesen, die über das Wesen der primitiven Religion aufgestellt worden sind, gibt Otto Pfleidereris in dem ersten Kapitel seiner Religionsphilosophie eine lichtvolle Darstellung:„In den primitiven Religionen ſinden sich überall zwei Bestandteile, die aufs engste zusammenhängen und vielfach ineinander übergehen, aber doch verschiedene Wurzeln zu haben scheinen. 1. Verehrung von Naturdingen, sei es irdischer, Sei es überirdischer Art, die als be- seelte, als lebendige und handelnde Wesen nach menschlicher Art dargestellt werden; und 2. Ver- ehrung von Seelen verstorbener Menschen, die teils abgelöst vom Leib frei umberschweifen,


