4
sei nur bei den Natur Völkern zu Haus. Sobald man von dem Glauben der Kultur Völker handelt, werden meist nur ihre Mythologien und religiösen Spekulationen inbetracht ge- zogen und alles Rudimentäre, was unter der Schwelle ihres höheren Kulturniveaus liegt, ver- nachlässigt. Man will blos die Gipfel der Berge sehen, aber nicht die Abgründe, aus denen sie sich erheben, blos das Licht, das die Höhen erleuchtet, aber nicht die Schatten, die die Tiefen decken. Und dann wundert man sich, ja man schaudert, wenn plötzlich in unserem erleuchteten 20. Jahrhundert die dunkeln Klüfte der niederen Religion sich auftun, und Gespensterglaube und Hexerei, Zauberei und Spiritismus, Reliquiendienst und Exorcismus sich in phantastischen Gestalten aus ihnen emporrecken. Wir meinen, es 80 herrlich weit gebracht zu haben, und sind doch in vieler Beziehung noch auf dem alten Fleck.
Wir dürfen uns eben der Einsicht nicht verschliessen, daß die primitive Religion in der Tiefe der Kulturreligionen, auch des Christentums, weiterlebt und die Massen nicht aus ihrem Banne läßt. Es ist das Verdienst derjenigen Religionsforscher, welche vor allem den Ergebnissen der Anthropologie, der Völkerkunde oder Ethnographie und der Volkskunde(häufig mit dem eng- lischen Ausdruck Folklore bezeichnet), gegenüber der einseitigen Hervorhebung der Mythologie und religiösen Spekulation, in ihren Untersuchungen Geltung verschaffen, bei den Religionen der Kulturvölker das primitive Element der menschlichen Glaubensvorstellungen richtig betont zu haben.
2) Bahnbrechend haben vor allem der Engländer Edward B. Tylort, die Deutschen Julius Lippert und W. Mannhardt' und in vieler Beziehung der Franzose Albert Réville“ gewirkt. Auch der berühmte holländische Religionsforscher C. P. Tiele“ teilt in der Hauptsache diesen Stand- punkt, und unser bekannter deutscher Religionsphilosoph Otto Pfleiderer ist in der neuesten Auflage Seines vielgenannten Werks“ von dem mythologischen in das anthropologische Lager übergegangen. Auch die Fachgelehrten, welche einzelne Religionen bearbeitet haben, sind zum großen Teil schon seit Jahren zu dieser Anschauung gekommen. Ich hebe statt Vieler nur den Veda- und Buddhaforscher Oldenberg', die Germanisten E. Mogks und Elard Hugo Meyer“, den Erforscher der griechischen Religion, Erwin Rohde¹°, die Assyriologen François Lenormant“¹ und C. Bezoldl², die Aegyptologen Le Page Renoufit und G. Steindorff¹¹, den Semitisten W. Robertson Smith's und den Verfasser der Geschichte Israels Bernhard Stadeé hervor. Schließlich nenne ich noch die feinsinnigen ethnographischen und psychologischen zusammenfassenden Untersuchungen über unsern Gegenstand bei Wilhelm Wundt⁷.
3) Was ist nun primitive Religion» Der Begriff ist von der Religionswissenschaft noch nicht scharf umrissen. Es bleibt also dem, der ihn zu behandeln unternimmt, ein gewisser Spiel- raum. Von der Urreligion, d. h. den Anfângen alles religiösen Empfindens in der Menschheit überhaupt, wird man besser absehen. Man würde sich sonst gar zul sehr in das Gebiet der Hypothesen verlieren. Ich meine auf Zustimmung rechnen zu dürfen, wenn ich sage: primitive Religion ist diejenige Form der Religion, wie sie uns fast ausnahmslos bei allen primitiven d. h. unkultivierten oder Naturvölkern entgegentritt und in den niederen Schichten der Kulturvölker sich erhalten hat.
a) Wo man den Anfang der Kultur setzen soll, ist allerdings strittig. Schon beim Beginn des Ackerbaues oder erst bei völliger Sesshaftigkeit, Städtebau, Bildung fester Rechtsverhältnisse und Gründung von Staaten? Doch wohl erst in letzterem Fall. Vielleicht ist es ratsam, die


