Primitive Reſigion bei Natur- und Kuſturvölkern.“ Von Professor Otto Schmiedel.
Das 19. Jahrhundert ist in seiner zweiten Hälfte ein neues„Zeitalter der Entdeckungen, geworden. Es hat den dunkeln Erdteil erhellt und da, wo einst auf unserer Karte ein leerer Fleck war, eine Menge Gebirge und Flüsse, Länder und Völker eingezeichnet. Es hat die Südsee durchforscht und neue Inselgruppen und ihre Bewohner aufgefunden. Es ist ins Innere Nord- indiens und über den ewigen Schnee des Himalaya in das ängstlich gehütete Tibet eingedrungen und hat das Jahrhunderte lang verschlossene China, Korea und besonders das Wunderland Japan aufgetan. Es hat aus dem Wüstensande an den Ufern des Nil und den Trümmerhügeln des Euphrat- und Tigrislandes die Kulturen längstvergangener Jahrtausende wieder ausgegraben und die Völker der Aegypter, Assyrer, Babylonier, Elamiter, Chaldäer mit ihrer Sprache und ihren Sitten, ihrem Gewerbe und ihrer Kunst, ihrer Wissenschaft und Religion vor unsern staunenden Augen neu erstehen lassen. Es hat in den Ruinen von Nepal, in den Felseninschriften Nord- indiens, in den Klöstern Ceylons, in den Tempeln der Taoisten und Buddhisten Ostasiens die Edikte glaubenseifriger Könige und die heiligen Bücher des Ostens wieder an das Licht gezogen. Und bei allen den Völkern, welche die Forschungsreisenden und Missionare, die Altertumskundigen und Philologen entweder völlig neu entdeckt oder deren Denkmäler sie aus dem Schutt der Ver- gangenheit wieder zutage gefördert haben, ist das Wort des Dichters zur Wahrheit geworden:
In allen Zonen liegt die Menschheit auf den Knieen Vor einem Göttlichen, das sie empor soll ziehen.
Religion ist bei allen zu Hause, ein Durst nach Offenbarung, und sei es auch nur nach einer solchen in rohester und primitivster Form, die man als Animismus und Feti— schismus, Ahnendienst und Seelenkult zu bezeichnen pflegt.
I. Primitive Religion.
1) Gerade auf diesem Gebiet, dem der sogenannten primitiven Religion, haben die letaten 50 Jahre ein ungeheures Material zusammengebracht. Gewöhnlich meint man, dieselbe
*) Da für die Beiträge zum Programm nur etwa 2 Quartbogen zur Verfügung stehen, ist es ausgeschlossen, eine ausführliche wissenschaftliche Abhandlung an dieser Stelle zu veröffentlichen. Ich gebe deshalb(mit Bewilligung der Verlagshandlung) nur die Skizze einer größeren Arbeit, die zwischen Ostern 1903 und 1904 entstanden, aber noch nicht völlig beendet worden ist, und unter dem obigen Titel bei J. C. B. Mohr(Paul Siebeck), Tübingen erscheinen soll. Der ausführlicheren Darstellung bleiben auch mannigfaltigere Beispiele, eingehendere Beweise und eine reichhaltigere Litteraturangabe vorbehalten. Bei Schülern der höheren Klassen hoffe ich, dass die mitgeteilte Skizze dem Interesse an ethnographischen, volkskundlichen und religionsgeschichtlichen Studien entgegenkommt.


