Jahrgang 
1905
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Die Salzburger Emigranten in Eisenach im Jahre 1732. Von Dr. G. Kühn.

In den habsburgischen Erblanden Ober und Nieder-Oesterreich, Steiermark, Kärnten und Tirol, wie im benachbarten Gebiete des Erzbistums Salzburg, lebte seit den Zeiten der deutschen Kolonisation im Mittelalter ein ziemlich wohlhabender Bauernstand, der in religiöser Beziehung nicht ganz frei geblieben war von Berührungen mit der hussitischen Lehre, die aus dem benach- barten Böhmen über die Grenze gedrungen war¹). Der Klerus war bis in die höheren Stellen. hinauf den Forderungen nach Reform der Kirche an Haupt und Gliedern, die besonders seit den Zeiten der grossen Kirchenspaltung allenthalben erhoben wurden, durchaus nicht abgeneigt. So war es denn kein Wunder, dass auch hier Luthers Lehre mit Begeisterung aufgenommen wurde und zahlreiche Anhänger fand. Wenn berichtet wird, dass in allen Klosterzellen reformatorische Schriften zu finden gewesen seien, dass die Pfarrgeistlichkeit selbst sich an deren Verbreitung beteiligt habe, dass die Universität Wien, damals eine der Hauptpflanzstätten des Humanismus, durchaus protestantisch gesinnt war, dass der Bischof von Wien, Slatkonia ²), wie der Erzbischof Matthaeus von Salzburg³), welcher Mitglied des Kardinalkollegiums war, die Veröffentlichung der gegen Luther gerichteten Bannbulle verzögerten, dann darf es uns nicht Wunder nehmen, wenn namhafte Historiker 4) annehmen zu dürfen glauben, dass schon zu Luthers Lebzeiten die Hälfte bis zwei Drittteile jener Länder der Reformation angehangen haben. Die Presse, nament- lich die ausserordentlich reiche Flugschriftenliteratur jener Zeit, sowie zahlreiche Wanderprediger aus dem Norden und Westen Deutschlands hatten wesentlich dazu beigetragen.

Und war auch Kaiser Karl V. der Lutherschen Lehre durchaus abhold: in den deutsch- nabsburgischen Landen führte die Regierung sein Bruder Ferdinand, welcher zwar selbst für seine Person der katholischen Kirche treu blieb, aber der Ausbreitung der evangelischen Lehre ebenso- wenig etwas in den Weg legte, wie nach ihm sein Sohn und Nachfolger Maximilian II.²) Erst mit des letzteren Nachfolger, Kaiser Rudolf II., der in Spanien erzogen Wwar und gänzlich unter dem Bann und Einfluss des 1540 gestifteten Ordens der Gesellschaft Jesu stand, änderte sich die Sachlage auch in jenen Ländern. Die Gegenreformation begann, die Bestimmungen des

2) v. Bezold, Gesch. der deutschen Reformation. Berlin 1890. Seite 128 ff.

²) v. Bezold p. 389.

³) ebenda p. 302.

z) Neben v. Bezold sind noch zu nennen bes. Leop. V. Ranke in der Gesch. Deutschl. z. Z. d. Reform., sowie in den Vorträgen, die er 1854 vor König Max II. von Bayern hielt(Weltgeschichte Bd. IV), Droysen, Erdmannsdörffer, Lamprecht, Lindner u. a.

³) Max wurde gradezu ketzerischer Neigungen beschuldigt und hat zu wiederholten Malen sich seine Recht- gläubigkeit bescheinigen lassen, ohne doch an den Tatsachen etwas zu ändern. Vgl. Droysen, Gesch. d. Gegen- reformation p. 31 ff.

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