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Nicht also als göttlichen Weltplan. sondern als der Menschen eigenes Werk müssen wir die Menschengeschichte zu begreifen suchen, Wenn wir sie zum Gegenstand der Wissenschaft machen wollen. In seinem eigenen Geiste findet der Mensch die Aufgaben für Verstand, Geschmack und Charakter vorgezeichnet, an deren Erfüllung er seine Kräfte setzen soll, findet er die allmählich sich erhöhenden Ziele, die ihn aus dem Zustand der Rohheit zu Gesittung und Bildung überführen.
Als ein Werk der Selbsterziehung tritt uns so die Menschengeschichte entgegen, oder, wie Ranke es nennt, als ein Werk der Freiheit, denn Beides will ganz dasselbe besagen. Das wahre Gesetz des Fortschrittes liegt in der zunehmenden lerrschaft über die Natur, in der wachsenden Aufklärung und gesteigerten Kultur. Aber nur wenige Völker haben sich unmittelbar an diesem Werke des Fortschritts beteiligt, denn nur bei wenigen erwachte der Verstand zu reger Selbstthätigkeit. Sie sind die Träger der Weltgeschichte, denen wir den Anfang, das Wachstum und die Vererbung der Geistesbildung verdanken. Diese höher getriebene Kultur aber begründet keinen Anspruch auf einen höheren Wert der späteren vor den früheren Geschlechtern, wie ihn jene Philosophen bebaupteten. Diese Herabsetzung, diese Entwertung des Früheren durch das Spätere war es, wogegen sich Rankes historisches Gewissen mit Recht aufbäumte, sie ist es, die auch Fries in mannigfacher Weise be- kämpft.„Jedes Leben und jede Zeit,“ sagt er in seiner Politik,„muss ihren Wert in sich selbst tragen, wenn sie einen hat, wir können diesen Wert nur in der Schönheit finden, welche das Leben jeder Zeit, jedes Volkes, jedes einzelnen in sich selbst zeigt, ohne dass wir ein Leben dem anderen unterordnen. Schön ist die Pflanze im Blattschmuck, in der Knospe, in der Blüthe. in der Frucht: die Frucht zur Reife zu bringen, opfert sie das Leben. So sind Blüthe und Frucht des Menschen- lebens: Weisheit, Schönheit, Charakter und die That durch diese, denen soll er das Leben weihen oder opfern.“
So Fries. Wo und wann also auch immer geistige Schönheit und Kraft zu edlem Ausdruck gelangt, wo Thaten der Aufopferung und Menschenliebe, wo Begeisterung für das Vaterland, wo reines Gottvertrauen uns entgegentritt, da ist unmittelbar ein Zweck in der Geschichte wie im Menschenleben erreicht, denn wir gewahren darin einen Abglanz der Ewigkeit. Dieser Schimmer reinen Lichtes aber ist nicht das Vorrecht einer Zeit, nicht der auszeichnende Zug der letzten Phase aller Geschichte, vielmehr kann er jedes Geschlecht erleuchten— jede Zeit hat, um es in Rankes Sprache zu übersetzen, eine unmittelbare Beziehung zu Gott.
Es würde mich nicht wundern, wenn man den Eindruck empfängt, dass bei Übereinstimmung in den Grundzügen die Fries'sche Ausicht doch etwas Wäarmeres hat als die Ranke’sche, die auf den ersten Blick vielleicht eine gewisse Härte und Kälte zeigt. Ranke hat das philosophische Grund- gestell, auf dem seine Wissenschaft ruht, mit sicherem Blicke erkannt und im Wesentlichen richtig bestimmt. Aber er ist nicht Philosoph sondern Historiker. Seine philosopbischen Ansichten tragen den Charakter des Fragmentarischen, Rhapsodischen. Fries dagegen entwickelt seine Ansicht im Zusammenhang einer umfassenden Weltanschauung, in der die Negation einen positiven Hintergrund hat. Kann bei Ranke die Verbannung des Gedankens eines göttlichen Weltplanes leicht als die Leugnung desselben überhaupt erscheinen, so wird sie bei Fries nur aus dem Bereich des Wissens und der Wissenschaft verwiesen, um als religiöse Idee im Gebiete des Glaubens um so fester ihren platz zu behaupten. Im Grunde will Ranke auch nichts anderes, aber er fasst den Gedanken nur aus dem Gesichtspunkt der wissenschaftlichen Geschichtsforschung und so hatte er keinen Anlass, auf die andere Seite der Sache einzugehen. Ranke ferner leugnet geradezn und mit vollster Be-


