Jahrgang 
1899
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22 So wenig vielleicht Ranke selbst das eigentlich Philosophische dieser Grundsätze betont haben würde, so sicher scheint es mir doch, dass, abgesehen von der Notwendigkeit einer näheren Be- stimmung und tieferen Fassung des letzten Punktes, Niemand im Stande sein wird, wesentlich bessere philosophische Gedanken dafür zu geben. Und hätte nicht Ranke, abgestossen durch die herrschende absolute Philosophie, die er allein kannte, gegen alle neuere Philosophie sich ablehnend verhalten, in dem Masse, dass er die, ich kann nicht anders sagen, als naive Ausserung that, es sei über die älteste Philosophie hinaus, wie wir sie bei Platon und Aristoteles finden, kein wesentlicher Fortschritt, gemacht worden, so würde er bei näherer Umschau gefunden haben, dass in der zeitgenössischen Philosophie Ansichten vertreten waren, die der seinigen in allen wesentlichen Punkten auf das Engste verwandt waren. Es ist der von den Identitätsphilosophen vielgeschmähte Jacob Friedrich Fries, an den ich hierbei denke, und an dessen Anschauungen über unsern Gegenstand, wie sie sich zerstreut in seinen zahlreichen Werken, am ausführlichsten wohl in seiner Politik finden, zum Schluss zu erinnern, mir als ein Gebot der Gerechtigkeit erscheint.

Fries weist mit siegender Gewissheit nach, dass der Gedanke eines Weltplanes und Weltzweckes für die wissenschaftliche Erkenntnis gar keine Bedeutung, weil keine Erweislichkeit besitzt. Nur im lebendigen Gefühl können wir uns zur Ahndung einer göttlichen Leitung aller menschlichen Dinge und zum Glauben an sie erheben, einem Glauben aber, der für seine Entfaltung im Einzelnen aller Fassbarkeit in bestimmte wissenschaftliche Begriffe überlegen ist. Einen Weltplan gibt es, das kündigt sich unserem Gefühl im Anblick der Herrlichkeit der Schöpfung, der toten wie der lebendigen, mit überwältigender Macht an. Aber ihn begreifen und wissenschaftlich entwickeln zu wollen, heisst das Ewige mit dem Endlichen verwechseln, heisst unsere religiösen Hoffnungen zu nutzlosen Spielen des Verstandes machen, dessen wahres Vermögen auf anderem Felde liegt. Religiös ästhetische Ahnungen sind etwas anderes als scharfe Begriffe des Verstandes. Wir müssten das unendliche Ganze aller Dinge klar überschauen können, wenn wir auch nur eine, auch nur die unbedeutendste Absicht des Schöpfers klar und sicher begreifen wollten, und wer sich dessen ver- misst, der wird bald inne werden der Wahrheit des Wortes, welches geschrieben steht: meine Ge- dankenJsind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.

Die Wissenschaft hat nichts gemein mit der Fichteschen Weissagung einer endlichen Heiligung des Menschengeschlechtes, ganz abgesehen von dem Beleidigenden, das darin liegt, dass wir auf diese Weise ganz und gar nur als Mittel für die Zukunft verbraucht werden.Den gediegenen Geschichtsforscher, sagt Fries gelegentlich.muss diese phantastisch ideale Ansicht anekeln, indem er sich nur getrieben fühlt, jeder Zeit eigentümliches Leben rein aufzufassen und durch den Ablauf der Geschichte zu verstehen. Die Bestimmung des Menschen ist eine ewige, deren Gesetz kein irdisches Ohr gehört, kein irdisches Auge gesehen hat; den Schleier ihres Geheimnisses wird keine sterbliche Vernunft aufdecken.

Mit dem grössten Nachdruck warnt so Fries vor der Vermengung von Glauben und Wissen. Gefühl und Verstand. In der That hat auch keiner der wahrhaft grossen Geschichtsschreiber, weder Thucydides noch Tacitus, weder Gibbon noch Macaulay und Ranke sich jemals auf göttliche Ein- wirkung berufen. Sie sehen in der Weltgeschichte zwar kein Spiel des Zufalls, massen sich aber auch nicht an, sie als göttliches Drama wissenschaftlich zu begreifen; vielmehr suchen sie sie uns zu deuten als einen Kampf menschlicher Leidenschaften, als ein Ringen menschlicher Willenskraft und menschlicher Einsicht.