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Mensch kann besser werden. Warum also nicht auch die Völker? Es gilt nur das sapere aude. ¹) Die rein geschichtliche Betrachtung kann hier zu keinem abschliessenden Urteil gelangen. Denn eine sichere Abschätzung des thatsächlich Vorhandenen ist in Sachen der Moralität nicht möglich, da es sich hier um die Gesinnung handelt, mit der sich keine extensive Grösse in Vergleichung bringen lässt. Es gibt kein bestimmtes Mass, keinen Massstab, mit dem man hier messen Könnte. Nur das gesetzmässige äussere Verhalten(Legalität) lässt eine wirkliche Abschätzung und Vergleichung zu. Wir haben zwar eine sogenannte Moralstatistik. Aber das ist keine Statistik der Moralität, im eigentlichen Sinne, sondern nur der Legalität. So begreift man es, wie der Historiker zu der Entscheidung kommen kann. einen sittlichen Fortschritt geradezu in Abrede zu stellen. Der Gegen- beweis lässt sich eben nicht führen.
Die Stellung der Philosophie dagegen zu der Frage ist klar: sie sagt dem Menschen, dass er streben soll, sittlich besser zu werden und dass er dessen fähig sei durch Kräftigung des Willens zum Guten auf dem Grunde erlangter richtiger Einsicht in den Wert der Dinge. Die Philosophie würde sich selbst vernichten, wenn sie die Möxlichkeit eines sittlichen Fortschrittes für die Mensch- heit leugnen wollte. Sie ist so weit entfernt, dies zu thun, dass sie es vielmehr als die vornehmste Aufgabe für die Menschen hinstellt, sich zu bessern. Aber eben so bestimmt muss eine gesunde Philosophie die objektive Notwendigkeit dieses Fortschrittes leugnen; denn dann würde die Sittlich- keit nicht das Werk der Freiheit sein, m. a. W. keine Sittlichkeit mehr sein. Wir werden unten kurz darauf zurückkommen.
Ziehen wir die Summe von Rankes allgemeiner Geschichtsauffassung, so sind es vier Punkte, die wir als kennzeichnende Merkmale auszuheben haben: 1. Abweisung der Idee eines Weltplanes und damit eines notwendigen Endzweckes der Menschengeschichte. 2. Anerkennung der Freiheit des Menschen, wodurch die Menschengeschichte, soweit wir sie überhaupt begreifen können, als des Menschen eigenes Werk erscheint. 3. Anerkennung des gleichen Wertes verschiedener Zeitalter, womit zugleich das gegeben ist, was Ranke die unmittelbare Beziehung einer jeden Zeit zu Gott nennt. 4. Leugnung eines allgemeinen Fortschrittes in moralischer, dagegen Anerkennung eines solchen in materieller Beziehung.
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¹) Nicht ohne Interesse dürfte es sein, Kant über diesen Punkt zu hören. Er lässt sich darüber vernehmen am Schluss seiner grossen Abhandlung über den Streit der Fakultäten, wo er nach mannigfachen Erwägungen pro und contra, vor allem mit Berufung auf die Kundgebungen der öffentlichen Meinung gegenüber den grossen Begebenheiten der französischen Revolution, zu folgender Entscheidung gelangt:„Nicht ein immer wachsendes Quantum der Moralität in der Gesinnung, sondern Vermehrung der Produkte ihrer Legalität in pflichtmässigen Handlungen, durch welche Triebfeder sie auch veranlasst sein mögen; d. i. in den guten Thaten der Menschen, die immer zahlreicher und besser ausfallen werden, also in den Erscheinungen der sittlichen Beschaffenheit des Menschengeschlechts wird der Ertrag der Bearbeitung desselben zum Besseren allein gesetzt werden können. Allmählich wird der Gewaltthätigkeit von Seiten der Mächtigen weniger, der Folgsamkeit in Ansehung der Gesetze mehr werden. Es wird etwa mehr Wohlthätigkeit, weniger Zank in Prozessen, mehr Zuverlässigkeit im Worthalten u. s. w. teils aus Ehrliebe, teils aus wohlverstandenem eigenem Vorteil im gemeinen Wesen entspringen, und sich endlich dies auch auf die Völker im äussern Verhältnis gegen einander bis zur weltbürgerlichen Gesellschaft erstrecken, ohne dass dabei die moralische Grundlage im Menschengeschlecht, im Mindesten vergrössert werden darf; als wozu auch eine Art von neuer Schöpfung, übernatürlicher Einfluss, erforderlich sein würde. Denn wir müssen uns von Menschen in ihrem Fortschritte zum Besseren auch nicht zu viel versprechen, um nicht in den Spott des Politikers mit Grund zu verfallen, der die Hoffnungen des ersteren gerne für Träumerei eines überspannten Kopfes halten möchte.“


