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Verfeinerung. An die Stelle brutaler Gewalt, die den Nachbar rücksichtslos niederschlug, um seine Habe zu rauben, treten die teuflischen Künste des Luges und Truges, die das nämliche Ziel auf gebildetere Weise zu erreichen vissen. Raffinement löst das Faustrecht ab. Aber meint man wirk- lich, dass die verfeinerten Laster einer hochgesteigerten Kultur, als da sind Heuchelei und Schleicherei, Gunsthascherei und Strebertum und der ganze Tross von, ich möchte sagen, salonfähigen Unsittlich- keiten, für welche der Name Charakterlosigkeit noch nicht die völlig erschöpfende Bezeichnung ist, meint man wirklich, dass diese, rein sittlich betrachtet, milder anzusehen seien als Mord und Tot- schlag in den Zeiten finsterer Barbarei?
Die äusserlich gesetzliche Ordnung, deren wir uns rühmen, kann uns leicht über den inneren sittlichen Wert unseres Zeitalters täuschen. Wir bilden uns wohl ein, in Gesetzgebung, staatlicher Fürsorge, humanen Einrichtungen aller Art es herrlich weit gebracht zu haben. Allein der gross- artige Ausbau dieser Einrichtungen vermag wohl das äussere Thun und Treiben der Menschen zu beeinflussen, die äussere Gesetzmäössigkeit des Handelns zu erhöhen, nicht aber die innerste Trieb- feder des menschlichen Willens zu beherrschen. Man denke sich bei uns nur auf wenige Tage alle staatliche und communale Gewalt und Fürsorge, man denke sich vor Allem das Bollwerk der Ordnung, die Armee aufgehoben, wir würden vielleicht Zeugen eines wenig erfreulichen Schauspiels sein. Ungeachtet aller Fülle staatlichen Schutzes, unter dem wir leben, stösst man denn auch vielfach auf ein gewisses Gefühl der Unsicherheit, auf eine gewisse Beängstigung, dass ein kräftiger Sturm diesen Zaun umwerfen könne. Wenn wir im Ganzen jetzt gesicherter leben, wenn wir augenblicklich von verheerenden Fluthen weniger zu leiden haben, als frühere Zeitalter, so liegt das nicht daran, dass die gefahrdrohende Wassermasse und die Wucht ihrer Strömung sich wesentlich vermindert hätte, sondern daran, dass wir festere Dämme und Deiche errichtet haben, um ihre Gewalt zu brechen. Aber diese Dämme und Deiche sind Menschenwerk: sie können von Menschenhand auch wieder zer- stört werden. Es mag doch einige Berechtigung haben, was in Goethes Hermann und Dorothea der fremde Richter sagt:
Möcht ich den Menschen doch nie in dieser schnöden Verirrung Wiedersehen! Das wüthende Tier ist ein besserer Anblick.
Sprech er doch nie von Freiheit, als könn' er sich selber regieren! Losgebunden erscheint, sobald die Schranken hinweg sind,
Alles Böse, das tief das Gesetz in die Winkel zurück trieb.
Dieses und ALiches liesse sich für Ranke sagen. Allein er verwirft den Gedanken eines sittlichen Fortschritts so entschieden, dass es fast klingt, als hielte er es für gleichgiltig oder nutz- los, der Menschheit diese Idee überhaupt auch nur als eine Aufgabe für ihre weitere geschichtliche Entwickelung hinzustellen, als Aufgabe, meine ich, nicht in dem Sinne, als müsste sich ihre Lösung mit innerer Notwendigkeit allmählich vollziehen, wohl aber in dem Sinne, dass die Menschen im eigenen wohlverstandenen Interesse mehr und mehr lernen können und sollen, Achtung zu gewinnen vor dem Sittengesetz. Es ist immer schon ein Fortschritt, wenn der Respekt vor dem Gesetz, dem äàusseren wie dem inneren, allmählich wächst und sich festigt. Zu einer völligen Umbeugung des Willens, zu unbedingter Moralität, wird es hier auf Erden niemals kommen; aber es stünde schlimm
um uns, wenn wir nicht hoffen dürften, dass eine mehr als bloss äussere Anerkennung des Gesetzes sich allmählich in weiteren Kreisen verbreiten könnte. Sittlichkeit ist das Werk der Freiheit. Der


