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nicht weiter darüber aus. Aber wir begreifen, wie er zu seiuer Ansicht gekommen. Mit der wachsenden Einsicht nämlich und Kenntniss der Dinge steigt auch die Kultur. Hier also lässt sich durch die Menschengeschichte hindurch ein beständiger Fortschritt im Grossen erkennen, trotz mancher Rückschläge im Einzelnen. Wir lernen mehr und mehr uns die Kräfte der Natur unterthan machen, wir nehmen zu an Kunstfertigkeit, Geschicklichkeit, Behendigkeit, an Kenntnissen und Bildung, wir wissen uns das Leben bequemer und sicherer einzurichten, wir sammeln unzäblige Erzeugnisse des Kunstfleisses und eben dadurch steigern wir auch den Eifer und das Interesse, das Gewonnene vor Zerstörung zu schützen; wir haben unendlich mehr zu verlieren, als unsere Altvordern und eben darum sucht auch die staatsmännische Kunst mit allen Mitteln kluger Berechnung und weiser Vorsicht möglichen Conflicten vorzubeugen. Mit der wachsenden Aufklärung ist die Finsternis des Aberglaubens zum grossen Teil verscheucht, ein erhabener Monotheismus ist an die Stelle der Vielgötterei getreten; die sittlichen Forderungen, die in jedes Menschen Brust schlummern, sind durch die vereinte Arbeit von Kirche, Staat und aufgeklärten Menschenfreunden im Volke zu klarerer Anerkennung gelangt. Und diese Anerkennung beherrscht doch bis zu einem gewissen Grade die öffentliche Meinung, gegen die der Einzelne, und wären es der Einzelnen auch noch so viele, nicht offen aufzutreten wagt. Ja diese Macht der öffentlichen Meinung könnte sich selbst dann behaupten, Wenn auch alle ohne Aus- nahme, die ihr äusserlich huldigen, eine ganz andere Privatmoral für sich hätten.
Alles dies zeigt, es ist besser geworden um die Meuschheit. Ist aber darum die Menschheit auch besser geworden? Das eben ist es, was Ranke So energisch in Abrede stellt. Die Kenntnis der moralischen Ideen, sagt er in einem seiner Vorträge, mag in grössere Kreise ausgebreitet sein, aber sittlicher sind wir darum nicht geworden.
Dem König Max muss diese Ansicht auffällig gewesen sein und darum bittet er in dem an den Vortrag sich anschliessenden Gespräch um veitere Belehrung über diesen Punkt, die Ranke mit folgender, sehr beachtenswerten kurzen Bemerkung gibt:„ich glaube, dass in jeder Generation die wirkliche moralische Grösse der in jeder anderen gleich ist und dass es in der moralischen Grösse gar keine höhere Potenz gibt; wie vir denn z. B. die moralische Grösse der alten Welt gar nicht, übertreffen können“.
So befremdend sich diese Bemerkung auf den ersten Blick auch ausnehmen mag, so erscheint sie doch bei näherer Ueberlegung begreiflich im Munde eines Historikers, der nicht das in Anschlag bringt, was sein soll, sondern das, was ist. Einer rein geschichtlichen Betrachtung kann es nicht schwer fallen, allerlei Stützen für die Rankesche Ansicht zu finden. Wir sind unterrichteter, ge- wandter, vorsichtiger, gesitteter geworden. Aber auch sittlicher? Das bleibe dahingestellt. Jeder Kulturfortschritt führt in der Regel eine Dosis Gift mit sich, als sollte dadurch eine Art Ausgleichung in der Vertheilung des Glückes und der Zufriedenheit über die einander ablösenden Generationen hergestellt werden.
Wir jetzt lebenden Deutschen haben 2. B. schwerlich ein Recht, uns sittlicher zu nennen, als unsere Altvordern vor 2000 Jahren, wie sie uns Tacitus schildert. Etwas mehr Recht scheinen wir zu haben, uns über unsere mittelalterlichen Stammesvorfahren erhaben zu fühlen. Denn das Mittel- alter zeigt uns überwiegend die Herrschaft roher Gewalt, nur wenig gebändigt durch den Einfluss der Kirche. Wie leicht ist man da mit dem Urteil fertig, jene Zeiten seien unsittlicher gewesen als die unseren. Aber alle die lasterhaften Triebe, die damals in naturwüchsiger Roheit unmittelbar hervorbrachen, wirken noch fort, seltener in ihrer wilden, ursprünglichen Form, öfters in umhüllender


