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kann. Vielmehr stellt sich der letztere dar als eine Verquickung Kantischer Ansichten mit dem altchristlichen Thema der Erziehung des Menschengeschlechts durch Gott, jenem Thema, das später- hin durch Lessing seine eigenartigste Bearbeitung gefunden hat.
Der Grundgedanke also, der allen den geschilderten Ansichten gemeinsam ist, war der, dass sich die Menschheit von einem gegebenen Urzustande zu einem bestimmten Ziele stetig und mit Not- wendigkeit fortentwickele, ein Gedanke, den Ranke, zu dem wir uns nun wieder zurückwenden, auf das Entschiedenste bekämpft. Er würde ihn vermuthlich auch bekämpft haben, wenn er ihm in minder anspruchsvoller Form, nicht mit der Forderung unbedingter Giltigkeit, wie bei den Identitäts- philosophen, entgegengetreten wäre. Schon die Herdersche ldee einer dereinstigen allgemeinen und vollkommenen Humanität, als Ziel der Menschengeschichte, würde vermutlich seinen Widerspruch geweckt haben. Er hat sich meines Wissens über diesen Herderschen Gedanken nirgends ausdrück- lich ausgesprochen, aber wir dürfen annehmen, dass er, darum befragt, ihn als unhistorisch ver- worfen haben würde. Denn er stimmt nicht mit seinen Principien. Auch mochte er diesem Humanitäts- ideal gegenüber vielleicht ähnlich denken, wie Goethe, der ihm zwar seinen Wert zuerkannte, aber hinzufügte:„ich fürchte nur, dass zu gleicher Zeit die Welt ein grosses Hospital und einer des andern humaner Krankenwärter werden wird“. Eine sehr bemerkenswerte Prophezeihung, deren Er- füllung wir uns einigermassen annähern zu wollen scheinen. Dies beiläufig. Einen allgemeinen und stetigen Fortschritt nun, meint Ranke, könnte man sich auf zweierlei Weise vorstellen: entweder, dass ein allgemein leitender Wille die Entwickelung des Menschengeschlechts von einem Punkt nach dem anderen förderte, oder dass in der Menschheit gleichsam ein Zug der geistigen Natur liege, welcher die Dinge mit Notwendigkeit nach einem bestimmten Ziele hintreibt. Beide Vorstellungen erklärt er weder für philosophisch haltbar, noch für historisch nachweisbar. Philosophisch unhaltbar erscheinen sie ihm, weil im ersten Falle die menschliche Freiheit geradezu aufgehoben und die Menschen zu willenlosen Werkzeugen gestempelt, und weil im andern Falle die Menschen geradezu entweder Gott oder gar nichts sein müssten. Aber sie sind auch historisch nicht nachweisbar. Denn die Geschichte zeigt keineswegs ein stetiges Fortschreiten der gesammten Menschheit, vielmehr weist sie die grösste Mannigfaltigkeit von Zuständen, vom Urzustande bis zur höchsten Bildung als gleichzeitig neben- einander auf der Erde bestehend nach, ebenso wie grosse und dauernde Rückwärtsbewegungen, wie denn z. B. in Asien die Bewegung im Ganzen eher eine rückgängige gewesen sei.
Wir fühlen es dem grossen Historiker nach, wie sehr es ihm, dessen ganze Lebensarbeit und Lebensfreude ja darin besteht, Bedeutung und Wert vergangener Zeiten in uns wieder zu lebendigem Bewusstsein zu bringen, wie sehr ihm eine Ansicht widerstehen musste, die in jedem späteren Geschlechte der Menschheit etwas Besseres und Vollkommeneres sieht, als in dem früheren, während doch ein Blick auf die Vergangenheit vernehmlich die Wahrheit des Schillerschen Wortes bezeugt:
Liebe Freunde, és gab schönre Zeiten Und ein edler Volk hat einst gelebt. Könnte die Geschichte davon schweigen, Tausend Steine würden redend zeugen, Die man aus dem Schooss der Erde gräbt.
Die Geschichte lehrt uns Bethätigungen des menschlichen Geistes und Gemütes kennen, die als das schlechthin Höchste in ihrer Art anerkannt werden müssen, wie die griechische Epik und Plastik, wie altgermanische Treue und dergleichen mehr. Jedes LZeitalter hat seinen eigenen Geist, seine


