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setzt aber einen Einheitsbegriff, einen durch Denken zu erfassenden Weltplan voraus, aus welchem die Hauptepochen des menschlichen Erdenlebens sich vollständig ableiten und in ihrem Ursprung, sowie in ihrem Zusammenhang unter einander deutlich einsehen sssen.“
Und nun wird dieser Weltplan ohne langes Besinnen folgendermassen construirt:„Der Zweck des Erdenlebens der Menschheit ist der, dass sie in demselben alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte, mit anderen Worten, dass sie zu vollendeter sittlicher Läuterung und zur Heiligung gelange, denn die wahre und volle Freiheit der Vernunft ist nichts anderes als diese sittliche Rechtfertigung und Heiligung. Die Freiheit soll und muss aber die eigene That der Mensch- heit sein, es muss die Gattung also schon existirt haben, ehe die Freiheit hervortrat. Demgemäss lassen sich zunächst zwei Hauptepochen der Menschengeschichte unterscheiden, die eine, da die Gattung lebte, ohne noch mit Freiheit ihre Verhältnisse nach der Vernunft eingerichtet zu haben, und die andere, da sie diese vernunftmässige Einrichtung mit Freiheit zu Stande bringt.“ In der ersteren wirkt die Vernunft als dunkeler Instinct, dem Menschen unbewusst, das Leben regelnd und es vor sittlicher Verfehlung bewahrend; in der anderen ruht die Herrschaft der Vernunft auf dem erlangten vollen Selbstbewusstsein. Von der einen zur andern führt nicht ein plötzlicher Sprung, sondern eine lange Entwicklung durch eine Reihe von Zwischenstufen hindurch. Diese Entwicklung bildet den philosophischen Gehalt der Menschengeschichte, ein sittlicher Läuterungsprozess, den wir am deut- lichsten und kürzesten kennzeichnen, wenn wir, nach dem Vorgang Fichtes selbst, den abstract philosophischen Ausdruck in die leichter verständliche Sprache der Religion umsetzen. Wir erhalten dann folgende fünf Stufen: 1) den Stand der Unschuld des Menschengeschlechts, 2) den Stand der anhebenden Sünde, 3) den Stand der vollendeten Sündhaftigkeit, 4) den Stand der anhebenden Rechtfertigung, 5) den Stand der vollendeten Rechtfertigung und Heiligung.
Fragen wir nun, zu welchem dieser fünf Stände wir selbst gehören, so antwortet Fichte mit der Unfehlbarkeit des absoluten Philosophen, dass wir mit dem einen Fuss noch im tiefsten Sünden- pfuhl, im Stande der vollendeten Sündhaftigkeit stecken, also im dritten Stande, mit dem andern aber doch schon den festen Boden der anhebenden Rechtfertigung, d. i. den vierten Stand, berühren, also der frohen Hoffnung leben können, dass den Völkern die Zeit der Rechtfertigung kommen und die Heiligung vorbereiten wird.
Man sieht, mit souveräner Verachtung aller Erfahrung werden hier der Menschengeschichte die angeblichen Forderungen der Vernunft aufgezwungen. Dieser philosophische Hochmut verdient in der That den Spott Schopenhauers, der gelegentlich sich darüber so äussert:„wie den Bienen ein Trieb einwohnt, gemeinschaftlich Zellen und einen Stock zu bauen, so soll in den Menschen angeblich ein Trieb liegen, gemeinschaftlich eine grosse, streng moralische Weltkomõdie aufzuführen, zu welcher wir die blossen Drahtpuppen wären und nichts weiter.“
Jeder wirkliche, erfahrungsmässige Zustand der Geschichte zeigt uns Sittlichkeit und Sinnlich- keit, Unschuld und Sünde in mannigfachem Mischungsverhältniss neben einander. Einen Stand allge- meiner Unschuld hat es, wohlverstanden für die Geschichtsforschung, niemals gegeben und der Stand der Erlösung und Heiligung kann wohl füglich erst auf das Ende aller Geschichte, nach dem jüngsten Tage folgen, wird also hienieden auf Erden schwerlich jemals erreicht werden. Und doch? Hebt nicht auch Schiller, wenn er uns in seinen vier Weltaltern den Gang der Menschengeschichte zeichnet, mit dem goldenen Zeitalter der Unschuld an?


