Jahrgang 
1899
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bezeichnet durch die Namen Fichte, Schelling, Hegel, die erste Hälfte unseres Jahrhunderts dermassen beherrschte, dass nicht bloss die Geisteswissenschaften, sondern auch die Naturwissenschaften all ihr Heil in der Unterwürfigkeit gegen die von jenen aufgestellten Gesetze suchen zu müssen glaubten. Der Begriff, die Idee sollte das Erste sein, aus dem aller Stoff unserer Erfahrung erst abgeleitet werden müsste, von dem er allererst seine Berechtigung und seine Beglaubigung erhielte.

Auch König Max von Bayern stand noch unter dem Banne dieser Denkweise, die ihm nament- lich durch sein enges Verhältniss zu Schelling geläufig geworden war. Es war eine wahrhafte Geistes- that, dass sich Ranke seinen Blick nicht trüben liess, sondern sich von den Anmassungen dieser herrschenden Philosophie los zu sagen Kraft. Mut und Einsicht hatte. Seine ganze Auffassungsweise stand von vorn herein in bewusstem Gegensatz zu dieser die Erfahrung und den Gehalt der That- sachen willkürlich meisternden Begriffsphilosophie. Aber seine grundsätzliche Abweisung dieses philosophischen Götzendienstes hatte er noch nirgends in seinen bisher bekannten Werken zum Gegenstand einer besonderen Erörterung gemacht, nirgends Gelegenheit genommen, eine Begründung und Rechtfertigung, ja auch nur Darlegung seines geschichtsphilosophischen Standpunktes zu geben. Seine vielen Schriften sind ebensoviele Zeugen seiner schon gewonnenen Auffassungsweise, ohne dass er durch den Druck in seinen Vorlesungen hatte er es bisweilen gethan dem Publikum von dem Wesen derselben, von den allgemeinen Grundsätzen, von denen sie geleitet ward, Rechenschaft gegeben hätte. Indem nun König Max von Ranke Belebrung suchte über den Gang der Weltge- schichte im Grossen nach ihren inneren Entwicklungsgesetzen und entscheidenden Wendepunkten, also so zu sagen die Summe des Ganzen von dem grossen Historiker gezogen zu sehen wünschte, ergab sich um so unabweislicher die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit den herrschenden Ansichten der Philosophie, als, wie oben bemerkt, der König selbst noch ib den Anschauungen derselben be- fangen, noch in ihrem Zauberkreise festgehalten war. Darum ist der erste Vortrag ausschliesslich diesem Gegenstande gewidmet. In gedrängter Kürze es sind im Ganzen sechs weitgedruckte Seiten entwickelt Ranke seine geschichtsphilosophischen Ansichten, immer im Gegensatz zu den Grundsätzen der herrschenden Philosophie, ohne indess auf eine Darlegung der letztecen sich einzu- lassen, da er sie im Allgemeinen als bekannt voraussetzt. Unsere Zeit darf sich einer solchen Be- kanntschaft mit der idealistischen Geschichtsphilosophie nicht mehr in dem Masse rühmen, wie die Rankesche, und darum dürfte es sich lohnen, auf diese einen Blick zu werfen, um dann zu Ranke wieder zurückzukehren.

Was die idealistische Philosophie in Aufstellung allgemeiner Gesetze für den Gang der Menschen- geschichte geleistet, geht in der Hauptsache zurück auf die Ausführungen Fichtes, die er nament- lich in seinen Vorlesungen über die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters gegeben hat. Gleich die ersten Bemerkungen in diesen Vorträgen kennzeichnen das ganze Verfahren:Hat der Philosoph, so sagt Fichte wörtlich, die in der Erfahrung möglichen Phänomene aus der Einheit seines vorausge- setzten Begriffs abzuleiten, so ist klar, dass er zu seinem Geschäfte durchaus keiner Erfahrung be- dürfe, und dass er bloss als Philosoph, und innerhalb seiner Grenzen streng sich haltend, ohne Rück- sicht auf irgend eine Erfahrung und schlechthin a priori sein Geschäft treibe, und in Beziehung auf unsern Gegenstand die gesammte Zeit und alle möglichen Epochen derselben a priori müsse be- schreiben können....Der Philosoph muss, um auch nur ein einziges Zeitalter, und falls er will, das seinige, richtig zu charakterisiren, die gesammte Zeit und alle ihre möglichen Epochen schlechthin a priori verstanden und innigst durchdrungen haben....Dieses Verstehen der gesammten LZeit