Jahrgang 
1899
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hier Ranke, folgend dem Verlangen des Königs, das ihm völlig unvorbereitet traf, die Quintessenz der nachchristlichen Weltgeschichte, um mich so auszudrücken. in zwanglos aus dem Stegreif hinge- worfenem, aber gerade dadurch eigentümlich fesselndem Vortrag zur Darstellung gebracht. Der Reiz derselben wird noch wesentlich dadurch erhöht, dass uns das einzig schöne Verhältniss zwischen Fürst und Gelehrten, dem wir diese Gabe verdanken, auch noch unmittelbar vergegenwärtigt wird durch die Mitteilung einiger Gespräche, die sich an einen und den andern der Vorträge anschlossen. Die hingebende Lernbegier des Fürsten trug Sorge, das gesprochene Wort für dauernde Belehrung festzuhalten: ein der Stenographie kundiger Secretär war aus der königlichen Kanzlei herbeigezogen worden, von dessen Stenogramm zwei saubere Abschriften hergestellt wurden, deren eine der König zu weiterem eingehendem Studium für sich behielt, während er die andere später an Ranke schickte. Aus seinem Nachlass ist die letztere vor einiger Zeit als Zugabe und Abschluss der unvollendeten Weltgeschichte erschienen, ein schätzbares Vermächtniss an uns, die Uberlebenden wie an die, die nach uns kommen werden.

Entstanden in den schönen Bergen Oberbayerns, tragen diese Vorträge etwas wie von einer Bergeswanderung an sich. Es ist, als begleiteten wir den kundigen Führer über einen hohen Ge- birgsrücken. Weithin lässt er seinen Blick über die Lande schweifen, selbst wohlbekannt mit all der unendlichen Fülle des Einzelnen, welche das Auge überschaut, uns aber nur das Bedeutsame zur Belehrung heraushebend und sinnvoll deutend.

Der belebende Hauch wahrhaft gesunder historischer Denkweise weht uns aus jedem Blatte entgegen, wenn wir natürlich auch keine neuen überraschenden Ergebnisse erwarten dürfen. Was der Rankeschen Geschichtsforschung und Auffassung ihr eigentümliches Gepräge giebt. ist der Stand- punkt eines von freiem und sicherem Takte geleiteten Empirismus. Niemals geht Ranke von vorge- fassten allgemeinen Ildeen aus, um ihnen dann die Thatsachen anzupassen, so gut es eben gehen vill, sondern sein erstes Gesetz ist gewissenhafte und sorgfältige Erforschung und Feststellung des Wirk- lichen, Thatsächlichen. Anderseits aber verzichtet er doch auch nicht, wie der rohe Empiriker, auf die Gewinnung allgemeiner Ansichten und leitender Ideen, nur dass er sie aus der gesicherten und gesichteten Betrachtung des Einzelnen, als deren natürliches Ergebniss ungezwungen hervorwachsen lässt, nicht umgekehrt das Thatsächliche in die Zwangsjacke der Begriffe steckt. Gerade das höhere Geistige, uns so eigentümlich Anmutende Rankescher Darstellungsweise besteht in dieser innigen und natürlichen Verbindung des wirklich Gegebenen mit dem Allgemeinen. Auf diesem Wege erforscht er die treibenden Kräfte, die herrschenden Strömungen, die grossen Ziele der Bewegung, kurz den besonderen unterscheidenden geistigen Gehalt jeder Periode, auf diesem Wege findet er die verbin- denden Mittelglieder grosser Entwickelungen, den springenden Punkt, der von einem kleineren oder grösseren Abschnitt in den anderen überleitet. Er wil] nicht Ideen finden, aber sie finden sich unge- sucht, und eben darum halten sie die Probe der Erfahrung aus und erweisen sich nicht als leere Hirngespinnste.

Dies Verfahren will uns heute so natürlich, so selbstverständlich erscheinen, gilt als so allge- meine Norm, dass mancher gar nicht geneigt sein möchte, darin ein besonders auszeichnendes Lob gerade der Rankeschen Auffassungsweise anzuerkennen. Wer so urteilt, der übersieht, dass wir in Deutschland wenigstens eigentlich erst durch Ranke auf diesen Standpunkt geschichtlicher Betrachtungs- weise geführt worden sind. Die Anfänge der Rankeschen Schriftstellerei, die Zeit, in der er sich seine leitenden Grundsätze bildete, gehören der Periode jenes philosophischen Idealismus an, der,