Jahrgang 
1899
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II.

Rankes Geschichtsphilosophie.

Ein Vortrag.

Es wird sich mancher der freudigen Teilnahme entsinnen, welche vor einer Reihe von Jahren die Ankündigung und der bald darauf erschienene erste Band einer Weltgeschichte aus der Feder unseres grössten Historikers, Leopold von Rankes, nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen fand. In den Jahren, die bei anderen Gelehrten höchstens noch der Sammlung und Sichtung des Ertrages früherer Arbeit gewidmet sind, hatte er das Zutrauen zu seiner Kraft, noch ein riesengrosses Unter- nehmen zu beginnen, zu dem die Bausteine zwar meistens schon gesammelt, das aber für seinen Aufbau und seine Ausgestaltung noch ein gewaltiges Mass geistiger Anstrengung erforderte. Hatten manche einen Zweifel an der Möglichkeit einer stetigen Weiterförderung des Werkes nicht unterdrücken können, so liess die Regelmässigkeit, mit der jeder weitere Jahresschluss einen neuen Band als Weihnachtsgabe brachte, allmählich das Misstrauen in die Durchführbarkeit des Werkes schwinden. Der Erfolg schien die Kraft des Verfassers zu steigern. Aber der Körper konnte mit dem ungestümen Schaffensdrang auf die Dauer nicht gleichen Schritt halten. Das Auge des Forschers brach, fest auf das Ziel gerichtet, das ihm zu erreichen nicht vergönnt war, wie NMoses scheiden musste, ehe er das gelobte Land erreichte, das sein Blick nur aus der Ferne schauen durfte.

Gleichwohl hat es das Schicksal gefügt, dass wir das Fehlende nicht allzu schmerzlich vermissen. Und dies aus einem doppelten Grunde. Rankes frühere grossen und bekannten Arbeiten setzen nämlich merkwürdiger und glücklicher Weise gerade da ein, wo unsere Weltgeschichte abbricht, heim Ausgang des Mittelalters, während den alten und mittleren Zeiten, welche den Torso dieser unserer Weltgeschichte bilden, keine grössere Arbeit des Forschers gewidmet worden war. Da nun keines der früheren Rankeschen Werke, so wenig sie die Weltgeschichte als solche zum Inhalte haben, den universal-historischen Standpunkt verleugnet, so dürfen wir sagen, dass uns im Allgemeinen der Geist, in welchem die fehlende neue Zeit behandelt worden wäre, nicht unbekannt ist. Aber ausser- dem hat sich durch glückliche Fügung ein noch unmittelbarerer Ersatz für das Ausstehende erhalten: über die Epochen der mittleren und neueren Geschichte hat Ranke seinem fürstlichen Gönner und Freund, dem edlen König Max von Bayern, eine Reihe von Vorträgen gehalten bei einem mehr- wöchentlichen Zusammenleben in den bayrischen Alpen, wohin der wissensdurstige König den von ihm überaus hochgeschätzten Historiker eingeladen hatte. Ohne jedes litterarische Hilfsmittel hat