Jahrgang 
1899
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allein sein. Die Familie, das Haus ist es, wo in dieser Beziehung jeder die Grundrichtung und Grundfärbung seines Wesens erhält. Ist diese Richtung gut, so wird die Schule das Ihrige thun, sie weiter zu kräftigen. Ist sie schlecht, so wird sie es sich angelegen sein lassen, sie zu bekämpfen und womöglich zum Besseren zu ändern. Aber man verlange von ihr nicht zu viel. Sie kann nur mitwirken als Bildnerin des sittlichen Menschen, stützend und schützend. Wohl wäre es herrlich und der höchste Triumph unserer Kunst, wenn wir uns dessen rühmen könnten, was nach Plutarchs Bericht jener lakedämonische Erzieher von sich sagte, er wolle es dahin bringen, dass der Knabe am Guten Freude und vor dem Schlechten Abscheu habe. Denn diese Freude und dieser Abscheu sind der Boden, auf dem alle Sittlichkeit wächst, die Seelenstimmung, die zu allem Edlen fähig macht. Aber nur im Verein mit Haus und Familie darf die Schule hoffen, sich diesem Ziele zu nähern. Es steht mit dem Charakter ähnlich wie mit dem heimischen Dialekt. Die Sprache, die einer aus dem Hause mit in die Schule bringt, kann hier wohl verbessert und veredelt, aber nicht von Grund aus verändert werden. Es ist zwar bequem, die Schule für alles Mögliche verantwortlich zu machen; aber man belaste sie nicht, um die Familie zu entlasten. Die Familie allein kann die ver- borgeneren und feineren Seelenregungen des Knaben und Jünglings beobachten, kann durch Mittel, welche der Massenzucht öffentlicher Schulen nicht zu Gebote stehen, auf sein Gemüt einwirken, kann seine häusliche Lektüre überwachen und ihn vor bösem Umgang bewahren. Welcher Einfluss der Schule könnte nur annähernd den einer guten. liebenden Mutter ersetzen! Darum sage ich: so lange das deutsche Familienleben gesund und tüchtig ist, so lange wird es gut stehen um unser Volk, selbst wenn die Schulen nicht den höchsten Anforderungen genügen sollten. Ist aber aus dem Familienleben Frömmigkeit und sittlicher Geist gewichen, herrscht da kein reiner und feiner Ton mehr, dann helfen auch die besten Schulen nichts. Duldet und entschuldigt oder begünstigt man gar daheim die Genusssucht oder die Dreistigkeit in Rede und Handlung, dann wird alle Arbeit der Schule dagegen vergeblich sein. Um lhre Unterstützung also, Ihre ernste und aufrichtige Unter- stützung, Sie gleich jetzt, wo ich zum ersten Male vor Ihnen erscheine, zu bitten, liegt mir vor allem am Herzen. Ich dagegen verspreche, meine ganze Kraft dieser Anstalt zu widmen. Bei aller etwaigen Verschiedenheit in der Individualität der Leiter derselben, kommt es doch schliesslich darauf an, dass ein jeder seine ganze persönlichkeit in den Dienst der Sache stellt. Das ist es, was man fordern darf, und dessen Erfüllung, mag auch sonst sein Thun noch so sehr Stückwerk sein wie alles Menschliche, bei der Beurteilung im Ganzen vor allem mit in Rechnung gebracht werden muss.

Ihr aber, lieben Schüler, wenn ihr in eueren Herzen mir gelobt, der Arbeit der Schule den bereiten Sinn, den guten Willen entgegenzubringen, dann habt ihr dieser Stunde die rechte Weihe gegeben.

Seid ihr empfänglich für das, was ich als wahre Bildung zu kennzeichnen versucht habe, so seid ihr zugleich auf dem rechten Wege, dem Vaterlande die gebührende Dankbarkeit und Liebe, und Gott die schuldige Ehrfurcht zu erweisen.

Ihn aber, den allmächtigen Gott, flehen wir an, dass er unserem gemeinsamen Werk seinen Segen nicht versagen möge.