in allen seinen Formen von der kindischen Näscherei bis zur wüsten Schlemmerei und Völlerei, und wie verächtlich jener erfinderische Scharfsinn ist, den der verblendete Mensch aufwendet, um diesem seinem sinnlichen Gelüste immer wirksamer zu fröhnen.
Diese Reinheit der Empfindung, die den Vorzug edlen Naturgenusses bildet, o wäre sie doch der Grundzug unseres Geschmackes überhaupt, wäre sie doch entscheidend für unser Verhältnis zu Kunst und Dichtung. Dann würden wir in unserer Litteratur nicht Strömungen haben, wie diejenige, die in jüngster Zeit so viele Geister mit sich fortriss und auch die Jugend vielfach in ihre Wirbel hineinzog, Ich meine jene Dichtungen, deren Gegenstände materielles Elend, geistige Verkrüppelung, krankhafte Seelenzustände, sociale Schäden, Zerrüttung des Familienlebens, innere Unfreiheit waren. Gewiss, auch die Nachtseiten menschlichen Daseins sollen der dichterischen Darstellung nicht ver- schlossen sein, aber sie sollen nicht die Atmosphäre abgeben, die das Ganze atmet, sondern wenn dergleichen dargestellt wird, so soll es so geschehen, dass sich das Edle, Grosse, Schöne um so glänzender davon abhebe. Denn die eigentliche Aufgabe aller Kunst, aller Dichtung ist keine andere als die, das Ewige, das Vollendete, das keine Wirklichkeit uns bieten kann, uns ahnen zu lassen dadurch, dass sie es uns mit dem Zauberstabe der Phantasie im Bilde vorführt. Sie soll begeistern, erheben, trösten; sie soll in der Tragödie— die ich hervorhebe, weil sie für unsere oberen Klassen vorzugsweise in Betracht kommt— geistige Kraft im Ringen mit einer widerstrebenden Welt, siegend trotz leiblichen Untergangs, darstellen, oder Schuld und Sühne, deren wahrer Zusammenhang im endlosen Flusse des wirklichen Lebens sich unserem Auge meist entzieht, mit einem Blick in ihrem Ineinandergreifen überschaubar machen. Gott Lob! ist unsere Literatur nicht arm an Schöpfungen solchen Gepräges. Sie sind die wahre Nahrung der Jugend.
Das Schöne in seiner höchsten und herrlichsten Erscheinung ist die Seelenschönheit, das geistig Schöne. Dies aber ist nichts anderes, als das sittlich Gute und Edle. Und damit gelangen wir zu dem dritten Hauptmerkmal wahrer Bildung, das wir oben nannten. Das Gute um seiner selbst, willen zu thun, dazu mahnte schon die schöne Lehre des griechischen Alterthums, eines Sokrates, Platon, Aristoteles. Aber sie betrachteten das mehr als eine Sache der Einsicht, des guten Geschmacks, der Gewöhnung, denn als eine Forderung unbedingter Pflicht. Diesen Begriff der unweigerlich fordernden Pflicht hat erst die neuere Ethik, man kann nicht sagen geschaffen, denn er hat immer in der Menschenbrust geschlummert, wohl aber richtig ans Licht gestellt. Die strenge Erfüllung der Pflicht aus reiner Achtung vor ihrem erhabenen Gebot ist der wahre Prüfstein der Sittlichkeit, den freilich jeder nur in sich selbst trägt.„Wie kann man“, fragt Goethe,„sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln; versuche deine Pflicht zu thun und du weisst gleich, was an dir ist.“ Und ganz in dem nämlichen Sinne sagt er in einem Briefe an Kraft:„Das Muss ist hart, aber beim Muss kann der Mensch allein zeigen, wie’s inwendig mit ihm steht. Willkürlich leben kann jeder.“
Dies unerbittliche„Muss“ in Sachen des sittlichen Handelns kannte das Altertum nicht, dafür fehlte ihm aber auch dasjenige, was uns die schwere Aufgabe der Pflichterfüllung zu erleichtern im Stande ist: die christliche Religion. Der Gedanke daran, dass Gott, der Herzenskündiger, in die innersten Tiefen unseres Gemütes schaut, dient zugleich zum Sporn wie zum Trost für die Ueber- windung, welche die Erfüllung der Pflicht so oft fordert. Aufrichtiges Gebet zu Gott hat eine selten versagende Kraft, den Entschluss zum Guten, zur Pflichttreue zu fördern und zu befestigen. Diese religiös sittliche Stimmung zu erzeugen, kann freilich nun und nimmermehr das Werk der Schule


