Jahrhunderts, gar nicht hoch genug geschätzt werden. Aber es geht der Zug der Zeit mehr und mehr dahin, den Naturwissenschaften, denen wir für den materiellen Fortschritt unseres Lebens so unendlich viel verdanken, eben deshalb eine ungleich höhere Bedeutung beizumessen als den Geistes- wissenschaften. Was nicht betastet, nicht gewogen, nicht gezählt und in seinen nutzbringenden Wirkungen berechnet werden kann, das hat in den Augen vieler überhaupt keinen rechten Wert. Und doch, wer bestimmt dem Einzelnen, der Gesellschaft, dem Staat, wer jedem menschlichen Handeln und Streben seine letzten Ziele? Wer lehrt uns die Rätsel unseres Daseins, wer dieses Lebens wahren Sinn deuten? Wer leitet uns an zur Verständigung mit uns selbst, zur Erlangung des Friedens der Seele? Nicht die Naturwissenschaften, sondern die Geisteswissenschaften und die Religion, Sie sind „die uns davor bewahren, mit der zunehmenden Herrschaft über die Natur zugleich immer mehr die Sklaven der Natur zu werden, die uns neben dieser Welt der Erscheinung, des Wissens, eine Welt des Glaubens aufweisen, die uns über die Materie erheben und uns zeigen, dass der Mensch frei ist, und wär' er in Ketten geboren. Sie hochzuhalten, ihre Rechte nicht verkümmern zu lassen. dazu müssen wir durch die Gestaltung und Haltung unseres ÜUnterrichtes, soviel an uns ist, beitragen.
Sehen wir übrigens auf die Naturforschung selbst als Forschung, so hat sie in ihren grössten Vertretern nie diesen Gesichtspunkt des Nutzens zum eigentlich leitenden oder gar ausschliesslich be- stimmenden gemacht, nie den Vorrang der Naturwissenschaften vor den Geisteswissenschaften zu behaupten sich angemasst. Diese falsche Schätzung hat sich nur der öffentlichen Meinung bemächtigt und allmählich in ihr festgesetzt aus den vorhin angedeuteten, naheliegenden Gründen. Die besten deutschen Forscher haben der Natur ihre Geheimnisse abgefragt ohne Rücksicht auf die praktischen Vorteile, die etwa daraus entsprangen, geleitet allein durch den Drang nach Wahrheit. Die Natur bloss zum Quell der Befriedigung menschlicher Bedürftigkeit zu machen, dazu war sie ihnen zu erhaben. Sie fühlten viel zu deutlich, was jeder tiefer empfindende Mensch der Natur gegenüber fühlt, dass die Materie nicht das einzige und letzte ist, was unserer Erkenntniss als Gegenstand zu Grunde liegt, dass gerade die Natur in ihrer unvergänglichen Schönheit geeignet ist, das Menschen- gemüt zu den uneigennützigsten Empfindungen zu stimmen und zu erheben, dass sie, die Natur, der Wissenschaft zwar einen fortwährenden, grossartigen Triumphzug bereitet, daneben aber einen Zauber übt, den keine Wissenschaft zu lösen im Stande ist. Ich meine ihre ästhetische Bedeutung, durch qie sie dem fühlenden Herzen mit unwiderstehlicher Macht die Herrlichkeit Gottes verkündet. Und das war das zweite, was ich zu Anfang als Kennzeichen wahrer Bildung hinstellte, das Schöne zu achten und zu lieben eben um seiner Schönheit willen, das Hässliche, Schmutzige aber zu verachten, eben weil es keiner Achtung wert ist.
Mit Recht sagt man, der Mensch sei nicht oder sei noch nicht ganz verdorben, der Freude empfindet an der Natur. Sie, die ewig reine, ewig schuldlose, ist die edelste und wahrste Freundin des Menschen, wenn anders wahre Freundschaft nichts gemein hat mit den niedrigen selbstsüchtigen Trieben des menschlichen Herzens. Euch, liebe Schüler, umgiebt hier, umrahmend die herrlichste und erinnerungsreichste der deutschen Burgen, eine Natur, so herrlich und prachterfüllt, dass auch das verstocktere Gemüt von der Macht ihres Reizes getroffen wird. Suchet, m. F., den Umgang mit ihr, freuet euch ihrer unendlichen und immer neuen Schönheit. Sie wird es euch reichlich lohnen: sie wird euch frisch erhalten und unverdorben an Leib und Seele, sie wird euch empfinden lassen, wie schal und ekel im Vergleich mit dem, was sie gewährt, der selbstsüchtige Sinnengenuss
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