½ 1
lehren. Denn unsere christliche Religion, wie sie im Protestantismus lebt, ist nicht totes Gedächtnis- werk, sondern soll bis zu einem gewissen Grade selbsterrungener Besitz sein. Das Christentum ist nicht eine Religion, sondern die Religion, da es, wenngleich geschichtlich bedingt, zu seinen allge- meinen Grundlagen doch die Ueberzeugungen der Vernunft selbst hat. Christi Mund bat sie uns ver- kündet. Eben darum darf unsere Religion getrost jede Prüfung aushalten und wird bei lebendiger Entwickelung unter gegenseitigem Austausch sich dem Lernenden als das darstellen, was, wenn auch dunkel und vielleicht verkannt, in seiner eigenen Brust schlummerte, und nun, geweckt, zum bewussten Eigentum wird. So erscheint die Belehrung über sie wie eine Art ανα̈όνσςε, eine Wiedererinnerung im platonischen Sinn, und hat in dieser Beziehung bei aller Verschiedenheit im ÜUbrigen einige Khnlichkeit mit der Mathematik. Denn auch diese ist, und zwar in noch prägnanterem Sinn als die Religion, Eigentum der Vernunft: sie entwickelt ihre Wahrheiten rein aus den Tiefen des eigenen Geistes ohne alle historische Voraussetzungen. Welches Feld zur Anregung eigener Denkarbeit bietet sich hier!
Auch Geschichte und Geographie kann und wird in der Hand eines ernsten Lehrers mehr leisten, als die Einprägung von Namen und Zahlen.
Es ist klar, dass bei solcher Auffassung von den Zwecken des Unterrichts es weniger ankommt auf die Masse des Erlernten, als auf die Art, wie es erlernt wird. Gewiss fordert die fortschrei- tende Zeit Einlass für manches Neue im Unterrichtsstoff. Aber hüten wir uns nach wie vor vor ausgebreiteter Mannigfaltigkeit des Unterrichts, die den Geist oft mehr verwirrt als wahrhaft aufklärt. Versieht man ein Schiff mit zu vielen Segeln, so gerät alles verkehrt. Nicht zerstreuen, sondern zur Sammlung führen soll alle wahre Bildung. Möget ihr daher vielleicht bedauern, manches nicht gelernt, zu haben, einige UÜberlegung wird euch sagen, dass in dem Wettbewerb um einen Platz im Unterricht notwendig eines oder das andere zurückstehen muss.
Zwei charakteristischen Erscheinungen der Zeit dürfen wir hoffen auf diesem Wege einigermassen entgegenzuwirken: einmal der Einseitigkeit bloss fachmännischer Bildung und zweitens der jetzt in weiten Kreisen üblichen, verhältnismässigen Uberschätzung alles dessen, was mit der Materie zusammenhängt, m. a. W. dem Obergewicht, das die Naturwissenschaften über die Geisteswissen- schaften in der öffentlichen Meinung besitzen.
Fachmännische Tüchtigkeit ist unentbehrlich für die Wohlfahrt des Ganzen und ein hohes Lob. Aber sie darf den Blick nicht verengen und ausschliesslich an dem Geschäfte des Berufes festhalten. In den niederen Sphären des Lebens hat es damit zwar keine Not, aber wenn in denjenigen Berufs- kreisen, für welche das Gymnasium vorbildet, in den leitenden, lehrenden, beratenden Stellungen, eine solche Abgeschlossenheit und Einseitigkeit zur Regel wird, so leidet das Volk im Ganzen unfehlbar Schaden an seiner Seele: der innere geistige Zusammenhang der höheren Klassen, auf dem doch das Gesammtbewusstsein der Nation wesentlich beruht, geht allmählich verloren und macht, einer geistigen Vereinzelung, einer Zersplitterung Platz, welche schliesslich das Volk sich selbst ent- fremdet, indem es sich selbst nicht mehr versteht. Unser unendlich verzweigtes Berufsleben legt die Gefahr nur zu nahe, sich seinen geistigen Horizont durch die Grenzen des Amtes bestimmen zu lassen. Dem sollen die höheren Schulen entgegenarbeiten, indem sie den Geist neben einem gewissen gemeinsamen Besitz an Kenntnissen vor allem auch eine gleichmässige Richtung auf das geistig Hohe und allgemein Interessante zu geben suchen.
Als anderes nannte ich die verhältnissmässige UÜberschätzung der Naturwissenschaften. Verhält- nissmässige, sage ich, denn für sich genommen können die Naturwissenschaften, der Stolz unseres


