Jahrgang 
1899
Einzelbild herunterladen

N18-

die

he

um lger sigt ihre tern lem äugt und sten Volk leser lchts lima 20 rheit oder

hat, vor ung.

um zein. agen t es

7

5

Die Gymnasien sind ihrer ursprünglichen Bestimmung nach Vorbereitungsstätten für die wissen- schaftlichen Berufsarten, und für diese vorzubilden ist auch heute noch trotz der Vervielfältigung der höheren Berufsarten und der dadurch etwas veränderten Bedeutung der Gymnasien ihre vornehmste Pflicht. Wissenschaftliche Arbeit aber ist Suchen nach Wahrheit. Die Fähigkeit und den Trieb dazu in dem jugendlichen Geiste zu wecken, ist demnach eine Hauptaufgabe der Gymnasien. Denken lernen sollen unsere Schüler. Dazu aber ist die erste Bedingung Respekt vor der Wahrheit als solcher. Denn Denken ist nichts anderes als folgerichtiges Ergründen der Wahrheit durch Unter- scheiden und Vergleichen. durch Begriff und Schluss.

Der Arbeitsstoff aber, an dem das Gymnasium in dieser Richtung die Kräfte übt, muss so ge- wählt sein, dass er der jugendlichen Eigenart und Fassungskraft möglichst angemessen ist. Einen solchen besitzt das Gymnasium vor allem an den classischen Sprachen und ihrer Litteratur und der durch diese vermittelten Bekanntschaft mit der antiken Kulturwelt überhaupt. Die antike Litteratur und Kultur trägt im Vergleich zu der späteren Entwickelung in hervorragender Weise den Charakter des Jugendlichen, Frischen, Ursprünglichen. Natürlichen und Einfachen. Unsere moderne Weltan- schauung und Kultur geht vielfach ins Unendliche, Grenzenlose, gemäss den notwendigen Gesetzen der fortschreitenden Erkenntniss. Das Altertum hat den geschlossenen Weltbau des Aristoteles, das kugelförmige, begrenzte Weltall, ausserhalb dessen es nichts giebt. Wir haben uns seit Copernikus gewöhnen müssen, diesen malerischen Weltbau, der den Augenschein für sich hat und den noch Dante, sehr zum Vorteil gegen Klopstock, seiner Divina comedia zu Grunde legen konnte, fallen zu lassen und mit der Unendlichkeit des Raumes die Grenzenlosigkeit der Sternenwelt anzuerkennen. Steigen wir vom Himmel auf die Erde herab! Mit einem Blicke fast konnte man die ganze griechische Welt überschauen. Von der Höhe von Akrokorinth schweift das trunkene Auge von dem Süden des Peloponnes fast bis zu den nördlichen Grenzen von Hellas, eine wahrhaft plastische Landkarte für den Beschauer. Blicken wir weiter auf den Staat und seine Formen, so haben wir im Altertum durchgehends die engbegrenzte Stadtverfassung, bei uns Land- und Reichsverfassung. Für die Wissen- schaft haben wir, um nur ein Beispiel anzuführen, in der Mathematik der Alten durchweg die Be- trachtung und Verwendung begrenzter Grössen, bei uns hat die Differential- und Integralrechnung das Unendlich-Kleine dem Calcül unterworfen. Die ganze autike Dichtung wird von Schiller in seinem berühmten Aufsatz als naiv, die moderne als sentimental charakterisirt. Ueberall sind uns die Alten in Leben und Anschauung, wir ihnen dagegen im Begriff überlegen. Sie handelten weit mehr durch natürliche Kraft, wir überall durch Maschinenwerk. Wir übertreffen sie in technischer Kunst und Berechnung, aber Bildhauer besitzen wir nicht wie sie. Ueberall haben sie das jugendlich Frische und Anschauliche für sich, wahrhaft innerlich verwandt mit dem Geiste edler Jugend. Daazu gesellt, sich, im Römertum der republikanischen Zeit, jene herrliche Kraft männlicher Tugend, jene erhabene Vaterlandsliebe, jene Aufopferungsfähigkeit für den Staat, für das Gesammtwohl, die in der Geschichte ihres Gleichen nicht hat.

Das Alles würde diese classischen Studien zu einem trefflich geeigneten Tummelplatz jugend- licher Geistesgymnastik machen auch ohne den unmittelbaren Zusammenhang unserer deutschen Kultur und Litteratur mit der des Altertums. Nun aber ist dieser Zusammenhang eine Thatsache. Zu dem Gewebe unserer Kultur hat das Altertum fast durchweg den Einschlag gegeben. Durch tausend Fäden mit unserer modernen Welt verknüpft, ist das Altertum geradezu ein Stück von uns selbst. Wer es verstehen lernt, lernt zugleich einen Teil von uns selbst verstehen. Das deutsche