Jahrgang 
1897
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Kurze Mitteilungen über den kunstgeschichtlichen Unterricht in den Jahren 1887 1897.

Der kunstgeschichtliche Unterricht wird nach den Bestimmungen des Lehrplans in Ib erteilt. indem eine der lat. Grammatik zugewiesene Stunde teilweise zum Besprechen antiker Kunstwerke verwendet wird. Vorbereitet ist dieser Unterricht durch gelegentliche Unterweisungen bei der Lektüre und im Geschichtsunterricht(bes. oriental. Kunst, griech. und röm. Bauten., Götterbilder); er wird, wenn es von den Schülern gewünscht wird, in la in einer besonderen Stunde bei freier Beteiligung fortgesetzt. Als Hilfsmittel dienen eine Sammlung grosser Photographien und die Bilder- atlanten von Menge und Graul. Die Photographien werden während des Unterrichts unmittelbar vor der enger zusammenrückenden Klasse aufgestellt und dann 2. T. in fliegenden Rahmen aufgehängt. Stoffauswahl und Gang des Unterrichts sind im wesentlichen bestimmt, durch die Atlanten. Der Gang ist meist der geschichtliche, ohne dass Geschichte der Kunst zu lehren beabsichtigt wäre. Es wird begonnen bei der griech. Architektur mit Besprechung des dorischen und jonischen Stils; dabei werden die wichtigsten technischen Ausdrücke erläutert und auf die Verwendung dieser Stile in der Neuzeit hingewiesen. Die röm. Architektur folgt erst später(Pantheon, Colosseum, Triumphbögen) mit Hinweisen auf die Baukunst der Renaissance(vergl. Grauls Atlas). Zur Plastik leiten über die Sculpturen des Parthenon, dessen Metopen, Giebelfelder und Fries(verglichen mit den Funden von Selinus, Aegina und Olympia) erklärt werden. Die Erwähnung der Hauptwerke des Phidias führt nach Olympia(Altis, Nike, Hermes) und damit zu Praxiteles(und Kephisodot). Besonderes Interesse haben immer die Niobiden erregt; für die folgende Zeit bezeichnen Lysippos, Pergamos, Rhodos, der Apollo von Belvedere die Hauptstationen. Leitend sind für die Behandlung folgende Gesichts- punkte: 1. Die klassische Bildung der Schüler soll ergänzt werden auf einem Gebiete, wo der Einfluss des Altertums auf spätere Zeiten besonders klar zu Tage tritt. 2. Es soll versucht werden, auch hier, wo Kunstsammlungen gänzlich fehlen, Interesse für die Kunst bei den Schülern zu er- wecken. 3. Sie sollen angeleitet werden Kunstwerke zu betrachten und sich über sie Rechenschaft zu geben. 4. Ein Erfolg erwächst nur aus der Selbstthätigkeit der Schüler. Darauf dass sie vor allem lernen ein Kunstwerk planmässig zu beschreiben, wird das Hauptgewicht gelegt, und diese Uebung wird jedem Werke gegenüber wiederholt. Nur so lernen die Schüler sehen und verstehen. Diese Beschreibung soll(bei Sculpturen) eine möglichst genaue Vorstellung geben von Stellung, Körperbeschaffenheit, Gewandung, Kopf und Gesichtsbildung der betreffenden Figur und bei Gruppen deren Aufbau ins Auge fassen. Erst in zweiter Linie gilt es die gegebene Situation zu verstehen, die Absicht des Werks zu deuten. Ein weiteres Eindringen wird ermöglicht zunächst durch Ver- gleichungen(z. B. der Metopen verschiedener Tempel, der Parthenon-Metopen unter sich, älterer Werke in ihrer Unbeholfenheit neben Werken fortgeschrittener Kunstfertigkeit); sodann durch ge- naueres Eingehen auf die Absichten des Künstlers. Die Erfahrung lehrt, dass die Schüler gern bereit sind z. B. darüber nachzudenken, welche Schwierigkeiten dem Künstler Metopen und Giebelfeldern gegenüber erwachsen müssen: warum der Künstler(z. B. beim Apoxyomenos) gerade die Stellung gewählt haben mag; warum er(z. B. beim Sauroktonos) gerade den Moment dargestellt hat. Auch die Frage nach der Ergänzung(z. B. des Hermes des Praxiteles) pflegt besonderem Interesse zu begegnen.

Der Wunsch der Schüler auch etwas über spätere Kunstentwickelung zu erfahren, hat in den letzten 3 Jahren dazu geführt, im zweiten Halbjahre der Ia auch Mittelalter und Neuzeit heran- zuziehen. Da die Plastik vorber besondere Berücksichtigung gefunden hat, die Besprechung der Malerei aber zuviel Schwierigkeiten bietet, hat sich hier als das Vorteilhafte herausgestellt, an der Hand des Graulschen Atlas und sonst vorhandener Abbildungen den Schülern eine Vorstellung von romanischem und gothischem Stile und der Baukunst der Renaissance zu verschaffen. In diesem Teile des Unterrichts hat die Erklaàrung des Lehrers überwiegen müssen, ohne dass darunter die Beteiligung der Schüler zu leiden schien.

P. Krumb h 0lz.