Oberprimaner Jordan vom Gymnasium auf die alten Herren; Herr Professor Dr. Kühn brachte ein Hoch aus auf die Stadt Eisenach. Andere Trinksprüche folgten und noch lange bis in die Früh- stunden des folgenden Tages dauerte die festliche Vereinigung.
Am Morgen des 18. Oktober fand ein gemeinsamer Kirchgang und ein Festgottesdienst in der St. Georgenkirche statt, die sich mit einer grossen Menge von Teilnehmern füllte. Herr Professor Otto hielt die Weiherede unter Zugrundelegung des 116. Psalmes. Auf Antrag des Herrn Superin- tendenten Dr. Marbach hatte der Kirchgemeindevorstand die Kirche für diesen Tag freigegeben.
Darnach ordnete sich nach 10 Uhr vor dem Gymnasium auf dem Predigerplatze der Festzug und setzte sich 411 Uhr in Bewegung. Aus klarem Himmel leuchtete die Sonne hernieder, die Strassen, durch die der stattliche Zug sich bewegte, trugen reichlichen Flaggenschmuck, in dem sich
88
die Anteilnahme der Bürgerschaft an dem Feste in wohltlmender Weise kund gab. Den Zug eröffneten drei Primaner, denen die Musik folgte. Dann schlossen sich die Schüler des Gymnasiums mit der Fahne an, die älteren Schüler trugen grün-goldene Schärpen, weiter folgten die Ehrengäste, der Festausschuss, die Lehrer des Gymnasiums und des Realgymnasiums, die ehemaligen Schüler, die Schüler des Realgymnasiums mit Fahne, die älteren unter ihnen mit blauweissen Schärpen. Der Zug löste sich vor dem Tivoli auf, in dessen schöngeschmücktem Saale der Festaktus um 11 Uhr begann. Alle Räume des Saales und der Galerien waren voll besetzt. Anwesend waren die oben genannten Vertreter der Grossherzogl. Staatsregierung, die Vertreter hiesiger Lehranstalten, der staatlichen und städtischen Behörden, des Militärs. Die Gymnasien in Weimar und Jena waren qurch ihre Direktorem vertreten, denen sich einige Lehrer angeschlossen hatten, das Realgymnasium in Weimar durch Herrn Dr. Solbisky, das Pfeiffersche Institut in Jena ebenfalls durch einen seiner Lehrer, die Volksschulen. durch den Grossherzogl. Schulinspektor, Herrn Schulrat Eberhardt, ferner beteiligten sich ausser Lehrern anderer höherer Schulen die Lehrer und Schüler beider hiesiger Gymnasien und viele andere Gäste, zahlreiche frühere Schüler, Männer und Frauen, die Angehörigen unserer Schüler und Freunde des Gymnasiums.
Den Festactus leitete der unter Leitung des Herrn Professors Thureau vom Schülerchor vorge- tragene 150. Psalm ein. Die Sänger hatten auf dem Podium in der mit gärtnerischem Schmuck ver- schenen Apsis des Saales ihren Platz gefunden; davor war im Saale selbst die Rednerbühne aufge- stellt, rechts und links davon standen die Fahnenabteilungen des Gymnasiums und des Realgymnasiums. Nach dem Vortrage des Psalmes nahm der Direktor das Wort zur Festrede, in der er nach einem Rückblicke auf die Geschichte des hiesigen Gymnasiums und auf dessen Entwickelung innerhalb der letzten fünfzig Jahre im Zusammenhange mit den Zeitverhältnissen die Stellung schilderte, die das Gymnasium überhaupt in der Gegenwart einnehme, und an dem hohen Werte und der tiefgehenden Bedeutung, die die Beschäftigung mit der Sprache, der Kultur und der Litteratur des Altertums für die echte Menschenbildung habe, nicht nur seine Berechtigung, sondern auch die Notwendigkeit seines Daseins darlegte.
Nachdem dann der Sängerchor die von Herrn Dr. Flex gedichtete und von Herrn Professor Thureau componierte lateinische Festode vorgetragen hatte, überbrachte der Leiter des Cultus- departements, Herr Geh. Staatsrat Dr. von Boxberg die Glückwünsche der hohen Staatsregierung. Er charakterisierte die Geschichte der Schule nach den bedeutungsvollsten Momenten der Vergangen- neit, die Pflege der humanistischen Bildung sei auch heute noch und dem Dämon Materialismus gegenüber erst recht die Aufgabe des Gymnasiums. Zu dem Ausdrucke des Dankes für alle, die an der Schule gewirkt haben und noch an ihr thätig sind, fügte er den Wunsch, dass die Anstalt unter Gottes Segen eine Pflegestätte wahrer Bildung, Frömmigkeit und Vaterlandsliebe bleiben möge.
Es folgten dann die übrigen Begrüssungen, zunächst des Herrn. Oberbürgermeisters Müller, der in beredten und ehrenden Worten im Namen der Stadt Eisenach Glückwünsche aussprach und den An- teil in belebter Rede zum Ausdruck brachte, den die Stadt als ehemalige Patronin der Anstalt und auf Anlass des Vertrauens, das sie zu ihr habe, an ihrem Jubelfeste nehme. Der Direktor des Grossherzogl. Realgymnasiums, Herr Hofrat Dr. Frerichs, führte in glücklicher und treffender Weise aus, wie Gymnasium und Realgymnasium auf verschiedenen Wegen zu einem gemeinsamen Ziele in der Ausbildung der Jugend hinstreben; thatsächlich herrsche in Eisenach zwischen beiden Anstalten ein schönes Verhältnis, und so bringe er der Jubelaustalt die herzlichsten Glückwünsche dar.


