Jahrgang 
1886
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Als persönlichen Glückwunsch und zur Erinnerung an langjährige gemeinschaftliche Arbeit. übergab der unterzeichnete Direktor ein Exemplar seiner Schrift: die Elemente der lateinischen Darstellung, deren Widmung der Herr Jubilar freundlichst angenommen hatte.

Das Winterhalbjahr begann am 12. Oktober. Leider nötigte den Herrn Prof. Kunze sein Gesundheitszustand, bei dem Grossherz. Staatsministerium um Verlängerung seines Urlaubs bis Ostern nachzusuchen; derselbe wurde ihm zur völligen Herstellung seiner Gesundheit gütigst bewilligt. Die Vertretung seiner Stunden wurde in derselben Weise, wie es bereits geschehen war, weiter durchgeführt und auch auf die physikalischen Stunden ausgedehnt, sodass der mathematische und physikalische Unterricht durch alle Klassen dem Lehrplane gemäss stattfand.

Die Studientage wurden in der üblichen Weise abgehalten, die Primaner lasen Homer und Horaz, die Sekundaner Homer, Xenophon und Cicero.

Am Katharinentage, dem 25. November, hielt der Primaner Hausmann die deutsche Rede zur Erinnerung an die Stipendienstiftung der Reichsgräfin von Elmpt.

Am 21. Januar fand eine Aufführung der Chorgesänge aus Sophokles, Antigone nach Mendels- sohns Komposition in dem gütigst bewilligten Saale der Clemda-Gesellschaft durch Schüler des Gymnasiums und des Seminars unter der kundigen Leitung des Herrn Prof. Thureau statt. Der Chor bestand aus der stattlichen Zahl von etwa 80 Sängern. Die einleitenden Bemerkungen und die die Chorgesänge verbindende Erzählung der Handlung des Stücks sprach der Primaner von Stock- hausen; derselbe hatte es auch übernommen, in dem von Mene fäle melodramatisch behandelten chorischen Teile die Worte der Antigone vorzutragen; ebenso trug der Primaner Reischauer die schwierige Rolle des Kreon am Schlusse des Stückes vor, die wenigen Worte des Boten sprach noch der Erstgenannte. Die Aufführung war gut besucht und fand Beifall.

Am 8. März fand unter dem Vorsitz des Herrn Oberschulrat Dr. Rassow als Grossherzoglichen Kommissar die mündliche Reifeprüfung statt. Von sechzehn Schülern, die sich zur Prüfung gemeldet hatten, war einer bereits im Verlauf der schriftlichen Prüfung zurückgetreten; von den übrigen fünfzehn erlangten vierzehn das Reifezeugnis, fünf derselben wurden auf Grund ihrer schriftlichen Prüfungsarbeiten und Leistungen während des zweijährigen Aufenthaltes in der obersten Klasse von der mündlichen Prüfung befreit. Die ganze Prüfung wurde zum ersten Male nach der Prüfungs- ordnung für die höheren Lehranstalten des Grossherzogtums Sachsen vom 12. Dezember 1885 ab- gehalten. Diese ist nach der Vorlage des Grossherz. Staatsministeriums in einer Beratung mit den Direktoren festgestellt worden und schliesst sich im ganzen der preussischen Prüfungsordnung an.

Der Geburtstag Sr. Majestät des deutschen Kaisers ward am 22. März durch eine festliche Feier begangen. Herr Dr. Flex hielt die Festrede über die Entwickelung und die Bedeutung unserer hochdeutschen Sprache. Mit dieser Feier war die Entlassung der abgehenden Schüler verbunden. Der Direktor richtete eine Ansprache an dieselben und händigte ihnen die Reifezeugnisse ein. An diese Ansprache schloss sich eine Darlegung über das Verbältnis des Lateinischen zum Griechischen im Unterrichtsplan des Gymnasiums, da namentlich in den letzten Jahren die Angriffe gegen die Stellung der alten Sprachen auf dem Gymnasium an Stärke und Heftigkeit zugenommen haben. Das Lateinische pflegt bei diesen Angriffen immer noch besser wegzukommen, als das Griechische, im letzteren liegt der Angelpunkt der Realschulfrage. Von grundlegender Bedeutung für das Gymnasium ist aber die Verbindung des Lateinischen und des Griechischen. Steht das Lateinische als wesent- licher Teil des Unterrichts fest, so ergeben sich die weiteren Folgerungen mit Notwendigkeit aus der Beschaffenheit der beiden Sprachen selbst: einmal, dass nur durch diese Verbindung die Art und Weise lateinische Grammatik zu betreiben, vor beschwerender Einseitigkeit bewahrt wird, denn nur im nächsten Zusammenhang mit dem Griechischen gewinnt die lateinische Grammatik Klarheit und Übersicht. Zu dieser Verbindung nötigt unmittelbar aus der Sache heraus das geschichtliche Ver- hältnis, welches zwischen beiden Sprachen stattfindet, soohl dlas ursprüngliche Verwandtschafts- verhältnis wie das durch die weitere Entwickelung der beiden Völker herbeigeführte. Diese Art der Behandlung erweckt auch ein geschichtliches Verständnis für die Sprache überhaupt, erweckt das Be- wusstsein, dass auch die Sprache einer geschichtlichen Entwickelung unterliegt, und hierin liegt ein fruchtbarerer Keim als in einer Menge vereinzelter, wenn auch noch so feiner sprachlicher Beobach-