Jahrgang 
1879
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jenige Gebiet sei, auf welchem er am fruchtbarsten wirken könne, sich weiter mit derselben be- schäftigt. Nicht ohne inneren Kampf daher. und nicht ohne Bedenken, sowie in der stillen Hoff- nung, in späterer Zeit zu seinem Lieblingsfache zurückkehren zu können, kam er der 1851 an ihn ergehenden Aufforderung nach, die Bearbeitung des Livius, mit welchem er sich allerdings schon früher im Vereine mit Alschefski beschäftigt hatte, in der Sauppe'schen Sammlung zu über- nehmen. Als er sich aber einmal dazu entschlossen hatte, wandte er, mit Ausnahme einer bei Teubner erschienenen Textausgabe, alle seine Kraft dieser Aufgabe zu. Wenn auch ein Laie auf diesem Gebiete, weiss ich doch sehr wohl, mit welcher Sorgfalt er bemüht war, allen Anfor- derungen, welche an eine solche Arbeit gestellt werden können, gerecht zu werden, mit welch' unendlicher Ausdauer und sich selbst nie genug thuend, er die zahlreichen Schwierigkeiten, die sich boten. zu beseitigen bestrebt war, wie er nichts unerörtert lassen zu dürfen meinte. mochte es Verfassung. Recht, Kriegswesen. Zeitrechnung oder was sonst betreffen. und wie eingehend er, der nie in der Lage gewesen war. Jtalien und Rom zu sehen. geographische Zweifel zu lösen suchte. Wie richtig aber die Gesichtspunkte waren, von denen er ausging, beweist der Umstand, dass zu seinem eigenen Erstaunen öfter äusserte er, er könne nicht begreifen. dass man mit so Geringem sich begnüge immer neue Auflagen nöthig wurden. Nur der 10. Band ist nur ein mal aufgelegt: diesen gedachte er nach Vollendung des ersten, mit dem er bis zu seinem Tode be- schäftigt war, nochmals zu bearbeiten, und dann die Weiterführung des Werkes jüngeren Kräften zu überlassen. Fr sollte es nicht mehr erleben*). Nicht übergehen zu dürfen glaube ich endlich, dass auch sein Verhältniss zur Verlagshandlung ein solches war, wie es nicht immer gefunden wird: in dankbarer Erinnerung zierte das Bild K. Reimer's neben denjenigen Th. Mommsen's, Niebuhr's und Jacob Grimm's sein einfaches Studirzimmer.

Dasselbe klare und sichere Urtheil, wie in der Wissenschaft, bekundete der Verstorbene auch auf anderen Gebieten. Mit einem bewundernswerthen Blick und feinem Verständnisse für Politik ausgestattet, durchschaute er auf oft unbegreifliche Weise sofort die verwickeltesten Com- vinationen, erkannte er die Tragweite der Ereignisse und Massregeln, und sagte oft genug den Erfolg, den sie haben würden, lange vorher. Dabei ein ächter Patriot ging ihm das Wohl des Vaterlandes über Alles; tief beklagte er die frühere Zerrissenheit desselben, aber gleichwohl nannte er sich stets mit Stolz einen Deutschen. Oefter börte ich ihn sein Bedauern äussern, dass es, wührend Deutschland vor anderen Ländern den Vorzug geniesse, in der Germania des Tacitus eine Crkunde seiner frühesten Vergangenheit zu besitzen, doch eine einem grösseren Kreise zugängliche Bearbeitung derselben nicht gebe, und lebhafte Genugthuung gewährte es ihm, dass, als 1866, also vald nach dem dänischen Conflicte, seine Bearbeitung des Livius vollendet war, er sich sagen konnte, dass er allein und ein Deutscher wenigstens ebenso viel geleistet habe, als zwei und Dänen, Madvig und Ussing. Sein richtiger politischer Blick und seine wahre Vaterlandsliebe war denn auch die Ursache, dass er 1848 nach Frankfurt in den deutschen Reichstag gewählt ward: er hatte seinen Sitz im linken Centrum und gehörte der Fraction des Würtemberger Hofes an. Ostern 1849. als er nach Ablehnung der Kaiserwürde an dem Gelingen des nationalen Werkes weifeln zu müssen glaubte, kehrte er zurück, und die dankbare Bürgerschaft Eisenachs verlieh ihm das Bürgerrecht Ehren halber. Nochmais fiel, als das Parlament in Erfurt zusammentrat. die Wahl auf ihn, und bald darauf ward er wegen seines praktischen Urtheils und organisatori- schen Geschickes in den Gemeinderath berufen, dem er mehrere Jahre hindurch angehörte; dann jedoch trat er zurück. um sich ungestört der Wissenschaft widmen zu können. Bis in seine letzten Tage aber gab es keine Frage, mochte sie das Vaterland oder die Stadt betreffen, an der er nicht das lebhafteste Interesse gezeigt und bewiesen hätte, und nicht glücklich genug konnte er sich schätzen, dass es ihm noch vergönnt gewesen war, die Wiedererstehung des deutschen Reiches er- lebt, die Ideale seiner Jugend, die Bestrebungen seines Mannesalters als Greis verwirklicht ge- sehen zu haben.

*) Von Band I erschien: Auflage I 1853, II 1856. III 1861. IV 1866. V 1871, VI 1875; von Band II: Auf- lage I 1851, II 1858. III 1865. IV 1874; von Band III: Auflage I 1854, II 1859. III 1868, IV 1876; von Band IV: Auflage 1 1855. II 1858, III 1835. IV 1870. V 1871, VI 1877; von Band V: Auflage I 1856. II 1861, III 1861; von Band VI: Auflage I 1858, II 1863, III 1878; von Band VII: Auflage I 1860, II 1867; von Band VIII: Auflage I 1862, II 1873; von Band IX: Auflage I 1864, II 1875; Band X 1866.