Jahrgang 
1876
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drei Ennaeteriden im Monat Apellaios vor denjenigen Pythien, welche in ungerade Olympiaden fallen. Ihre Functionen sind zum Theil geheime, immer aber erkennen wir als wesentlich dabei die Nachahmung dessen, was die Cultuslegende berichtet.

Weiteres wissen wir von dem Thyiadencollegium in Delphi nicht, immerhin aber bietet die Ueberlieferung mehr, als anderswo von ähnlichen Einrichtungen bekannt ist. Auf Grund der triete- rischen Winterfeste ist diese Priesterschaft in Nachahmung der mythischen Thyiaden entstanden. In ältester Zeit fand bei diesen Festen wohl ungeregelte Betheiligung der Weiber statt, wobei vielleicht gewisse Geschlechter mitzuwirken besonderen Anlass hatten. Aber der Cultus, zumal an einem gottesdienstlichen Mittelpunkt, wie Delphi, der mit gutem Beispiel allen auswärtigen vorangehen musste, konnte nicht auf freier Willkür beruhen. Bei der Gefahr für Gesundheit und Leben, welche die Theilnahme an den Nachtfeiern nicht selten mit sich brachte, bei dem Widerspruch, in welchem das Schwärmen im Waldgebirg mit der für hellenische Weiber geltenden Sitte stand (vgl. Rapp S. 2 ff.), musste man befürchten, dass öfters freiwillige Theilnehmerinnen sich nicht fanden. Die Gottheit aber erfordert regelmässigen Dienst. So kam man darauf ein festes Col- legium zu organisiren, mit bestimmten Pflichten und Regeln, und dieses Collegium wurde später auch da verwendet, wo der Hauptdienst nicht geradezu widersprach, auch wenn nicht besonders Dionysisches vorlag.

Wann die Organisation des Collegiums stattfand, zu ermitteln ist nicht mehr möglich. Unsere Nachrichten über die Delphischen Thyiaden beruhen, abgesehen von ein Paar Notizen des Pausanias, sämtlich auf Plutarch. Dieser urtheilt über die Thyiaden fast ausschliesslich nach den Zuständen seiner Zeit, freilich aber war er in Folge seiner intimen Beziehungen zum Del- phischen Heiligthum ein Kenner der Delphischen Verbhältnisse, wie wenige andere. War man nun auch in ritualen Dingen von je her äusserst conservativ, so wissen wir doch, dass unter Trajan und Hadrian, wie im übrigen Hellas, so auch in Delphi eine Nachblüthe der Cultur statt- fand, die in diesen Dingen zwar manches alte herstellte, aber auch vieles neue schuf. Es lässt sich also nicht schlechtweg der Schluss machen, dass das von Plutarchos und Pausanias berichtete einfach auch für die früheste Vergangenheit vorauszusetzen sei. Von früheren Schriftstellern bieten zwar, wie wir sahen, die Dichter manche Notizen, aber es ist selten zu unterscheiden, wo bei ihnen die Phantasie aufhört und die Wirklichkeit anfängt. Dasselbe gilt natürlich von der bil- denden Kunst. Dass die historische Thyiadenfeier zur Zeit des Phokischen Krieges bestand, geht aus der oben erwähnten Stelle des Plutarchos de mull. virtt. p. 249 e hervor, der eine gute Quelle alter Zeit, vielleicht Ephoros oder einen der Delphischen Localschriftsteller, wie Anaxandridas, vor sich haben mochte. Philochoros kannte, wie wir sahen, das Dionysosgrab im Adyton. Ob nun aber die Thyiaden in der Mitte des vierten Jahrhunderts bereits collegialisch geordnet waren, wissen wir nicht; die innere Wahrscheinlichkeit spricht dafür. Der Mythenkern aber und danach auch Cultus und Festfeier sind jedenfalls in Delphi uralt. Darauf weisen die Berichte über an- dere Thyiadencollegien, welche fast alle zu Delphi in Beziehung stehen(Rapp S. 6. 610.), das lässt sich aus den Dichtern entnehmen, und darauf deuten schliesslich Stamm- und Localsagen, die schwerlich entstanden wären, wenn es sich um eine verhältnissmässig junge Einrichtung gehandelt hätte. Bei Hesiod(Fragm. XXXVI Göttling) heisst Thyia die Tochter des Deukalion, vielleicht mit Beziehung auf die Localisirung der Deukalionmythe auf den Höhen des Parnass, obgleich dem die Genealogie(ihre Söhne sind Magnes und Makedon) nicht entspricht. Auf dem Poly- gnotischen Gemälde der Delphischen Lesche, welches die Unterwelt darstellt, sah man Chloris auf den Schoss der Thyia gelehnt, und Pausanias(X, 29, 3) bemerkt dazu, dass Thyia den Poseidon,