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hilastisch-kathartische Element der Localsage der Hauptgrund für die Aufnahme des Festactes unter die Ennaeteriden gewesen zu sein. Die Pythien, selbst ein Sühnefest, machten das Ende der grossen Reinigung aus, welche jedes fünfte Jahr stattfand und auf profanem Gebiet sich in Zeitenordnung, Wegebesserung, Begehung der Grenzen, Stromregulirung, Säuberung der Quellen und anderweitiger Herstellung geordneter Zustände äusserte, während man auf religiösem Gebiet zugleich alle Verschuldungen gegen die Gottheit, welche im Lauf der Zeit etwa vorgekommen waren, zu sühnen suchte. Hierin sehe ich den inneren Zusammenhang der drei Ennaeteriden von Delphi!¹). Wurden nun aber die Pythien pentaeterisch begangen, so ergibt sich, dass die Enna- eteriden immer eine Pythienfeier überschlugen. Es fragt sich, welche diese war. Aus der Ueber- lieferung, dass die erste pentaeterische Feier Ol. 48, 3, der erste deνν στεαανimα aber Ol. 49, 3 fällt, schliesse ich nun, dass Ol. 49, 3 auch die Daphnephorische Theorie nach Tempe vorgenommen wurde. So wird man also die Feier des Septerion nebst Herois und Charila als jedesmal in die ungleichen Olympiaden fallend sich zu denken haben, vorausgesetzt, dass im Lauf der Jahrhunderte eine Störung nicht eintrat. ²)
An jedem der drei Feste war, wie wir sahen, zu Plutarch's Zeit das Collegium der Thyiaden thätig. Es ergibt sich also, dass dasselbe nicht ausschliesslich für den Dionysosdienst angestellt war. So rasen sie ja auch an den Trieteriden nach Paus. X, 32, 5 nicht bloss dem Dionysos, sondern auch dem Apollon. Ihre Stellung ist demgemäss der des Collegiums der fünf Hosier nicht un- ähnlich, welche gleichfalls im Dienste beider Gottheiten wirkten. ³) Es lag ja nahe, dass man die einmal angestellten priesterlichen Frauen nicht den grösseren Theil des Jahres unthätig lassen wollte, zumal da ihre Dienste zu einer Zeit, wo jedes Glied der Priesterschaft alle Hände voll zu thun hatte, sehr wohl zu brauchen waren. Ueberdies ward auch durch diesen Umstand die enge Verbrüderung des Apollon und Dionysos zu Delphi von neuem verbürgt. Ich bin überzeugt, dass das Collegium auch ausser dem, was wir bisher gesehen, bei vielfachen Cultusgebräuchen Verwen- dung fand. Ueberliefert ist darüber nichts; vielleicht lehren künftige Inschriftenfunde neues. Unter den auf die Soterien bezüglichen Urkunden hat sich bis jetzt nichts derart gefunden.
3. Ueberblicken wir schliesslich die aus obigen Untersuchungen gewonnenen Ergebnisse im Zusammenhang, so ergibt sich folgendes: Im Monat Dadophorios, dem ersten der drei dem Dionysos geweihten Wintermonate, in welchen das Orakel so gut wie ganz schweigt, werden zu Delphi dem Dionysos trieterische Feste begangen, zu deren Feier ein ständiges Collegium von Thyiaden unter der Leitung einer Vorsteherin eingesetzt ist, welches dabei durch Zuzug eines ähnlichen Collegiums Attischer Thyiaden unterstüzt wird. Die Trieterika bestehen wesentlich aus einer mimetischen Darstellung der Leiden des Zagreus und beginnen mit einer Nachtfeier auf den Höhen des Parnassos über Delphi, in welcher die Thyiaden unter Ausschluss von Männern nach Herbeirufung des Dionysos das Schwärmen der mythischen Bakchen und die Zerreissung des Gottes durch die Titanen aufführen. Nach einer Zwischenzeit der Grabesruhe erwecken sie den neuge- borenen Liknites, während die Hosier im Tempel ein geheimes Opfer bringen. Dies ist der we- sentliche Vorgang der trieterischen Festacte. Aber auch im Sommer dachte man sich den Dionysos von Delphi nicht durchaus fern. So finden auch die Thyiaden im Tempeldienst noch weitere Verwendung, und zwar nicht allein für Dionysische Sacra; namentlich geschieht dies bei den
¹) und damit die Lösung der von A. Mommsen, 2. Beitrag zur Zeitrechnung der Griechen und Römer S. 384 Anm. 11 gestellten Frage.
2) Vgl. A. Mommsen, zweiter Beitrag zur Zeitrechnung der Griechen und Römer S. 385 ff. 396.
³) Plut. IS. et Os. 35 p. 364 f. Qu. Gr. 9 p. 292 d. Def. or. 49 p. 437 a, 51 p. 438 b.


