Jahresbericht von Ostern 1874 bis Ostern 1875.
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I. Chronik.
Das vergangene Schuljahr ist für das Karl-Friedrichs-Gymnasium von schmerzlicher Bedeutung gewesen; am 18. August 1874
Karl Hermann Funkhänel
der hochverdiente Director der Anstalt, der durch den langen Zeitraum von über 36 Jahren die Schule in guten und schlimmen Tagen mit aufopfernder Pflichttreue zum Segen zahlreicher Schülergenerationen geleitet hat. Schon in den Osterferien hatte ein schweres inneres Leiden die Kräfte des bis dahin so rüstigen Greises derartig geschwächt, dass er nur mit Mühe im Stande war nach Beginn des Sommerhalbjahrs die vielfachen Pflichten seines Amtes zu verwalten. Von Pfingsten ab musste er bei der vorgesetzten Behörde einen Urlaub erbitten; man hoffte, eine Er- holungskur in einem geeigneten Badeort werde die gesunkenen Kräfte wieder herstellen. Am 30. Mai reiste Funkhänel in Begleitung seiner Gemahlin nach Streitberg in der fränkischen Schweiz. Als er jedoch bald nach Beginn der Hundstagsferien wieder heimkehrte, stellte sich mit betrübender Gewissheit heraus, dass gegen das Uebel menschliche Hilfe nichts mehr vermochte. Neubildungen an den edleren Theilen des Organismus hemmten die Verdauungsthätigkeit so, dass der Körper mit immer mehr wachsender Schnelligkeit seiner Auflösung entgegenwelkte. In früher Morgen- stunde des 18. August erlöste ein sanfter Tod den theuren Mann von seinen Leiden. Der Schmerz über den Verlust war gross und allgemein. Se. königliche Hoheit der Grossherzog, welcher damals gerade in Wilhelmsthal weilte, sprach telegraphisch seine Theilnahme an dem Trauerfall aus. Donnerstag den 20. August fand das feierliche Leichenbegängniss statt. Lehrer und Schüler hatten den Sarg mit Palmenzweigen und Blumengewinden aufs reichste geschmückt; Schüler der oberen Klassen trugen ihn zum Grabe. Von Weimar war als Vertreter des Grossherzoglichen Staats- ministeriums Herr Regierungsrath Dr. Guyet eingetroffen, welcher sich bei der Bestattung dem Lehrercollegium anschloss. Sonnabend den 22. August beging das Gymnasium in der Aula eine ernste und würdige Trauerfeier. Nach Gesang und Gebet hielt Professor Weniger eine Gedächt- nissrede auf den Verstorbenen, in welcher er den Lebensgang desselben darstellte und auf die hohen Verdienste dieses treuen und gewissenhaften Leiters der Jugend näher einging.*) Das An- denken an Funkhänel wird dauern, so lange das Karl-Friedrichs-Gymnasium besteht.
Während der Krankheit des Verstorbenen und nachher bis zu Ende des Jahres verwaltete professor Weniger die Directorialgeschäfte; in die Vertretung der Lehrstunden hatten sich die Collegen zunächst so getheilt, wie der Entschlafene es angeordnet hatte; einige Lectionen fielen ganz aus. Für das Wintersemester musste ein neuer Plan aufgestellt werden, nach welchem ein jedes Fach die gebührende Berücksichtigung fand.
Wie sehr das Herz des Verstorbenen an der von ihm geleiteten Anstalt hing, stellte sich auch bei Eröffnung seines Testaments heraus. Seine stattliche Büchersammlung, welche nament- lich für die griechischen Redner und den Horatius einen reichen Apparat enthält, hat er dem
*) Dieselbe ist in etwas erweiterter Gestalt in Druck erschienen; Eisenach und Bielefeld bei Bacmeister.


