20 Schülern und Anfängern wird der sorgsam Beobachtende erkennen können, dass die eine oder die andere Seite bei einem jeglichen stärker vertreten ist.
Es ist nun eine psychologisch leicht erklärbare Erscheinung, dass die beiden Richtungen in besonders auffallender Weise im Wirken des Erziehers sich äussern: auch in der Behandlung des lebenden Objects der Schüler kann man den constructiven oder destructiven Weg gehen, und jeder Lehrer wird es, seiner Art nach, thun müssen: der eine verfährt überwiegend ermunternd, anfeuernd, lobend, der andere einschränkend, zurückhaltend, rügend, und es lässt sich schwer bestimmen, mit welcher der beiden Methoden man das höhere Ziel erreichen wird. Irre ich nicht, so ist der erstere Weg für die Durchschnittsmasse der Jugend, so wie für alle in verwandter Art organisirten Naturen der geeignetere; auf dem zweiten erreicht man quantitativ im Durchschnitt weniger, aber dies Wenige ist gewöhnlich besonders vorzüglich. Und so kommen wir denn wieder auf unseren heutigen Ausgangspunkt zurück. Was mich betrifft, so glaube ich von mir sagen zu dürfen, dass mein Naturell kritisch minder beanlagt ist, als positiv wirkend; wie ich selbst mich leicht ohne besondere Neigung zur Skepsis gewinnen und begeistern lasse, so suche ich gern anregend, ermunternd und ermuthigend auf meine Schüler einzuwirken: ich glaube mehr auszu- richten durch ein Wort des Lobes, als durch die Rüge; selbstverständlich darf und wird es an der letzteren im Falle der Noth aber nicht fehlen. In dieser Weise denke ich also auch die leitende Stelle an dieser Schule zu verwalten, dem Gärtner gleich, der, wenn der Stamm des Bäumleins nur gedeihlich wächst weniger bekümmert ist um mitwuchernde Wildlinge, die sich ja leicht wegschneiden lassen, während ein anderer, der von vorn herein mit dem Messer bei der Hand ist, mir durch zu vieles Putzen und Abkappen das Wachsthum der Pflanze in seiner Ent- wickelung zu schädigen scheint. Noch einmal aber sei es wiederholt, dass mein Bedacht auch darauf gerichtet sein soll, dass Auswüchse irgend welcher Art nicht überhand nehmen.
Dabei vertraue ich denn auch auf Sie, meine verehrten Herrn Collegen! Was der eine zu wenig hat, das ist dem andern in höherem Masse verliehen, und umgekehrt, und so bin ich denn der guten Zuversicht, dass ein wohlthuender Ausgleich unter uns allen stattfinden wird, vorausgesetzt, dass wir nur alle auch nach dem einen Hauptziele hinstreben, nämlich dem Heile der Schule und unserer Zöglinge. Möge also der Spruch zur Wahrheit werden: es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist, der da wirket Alles in Allem. lch bitte Sie zunächst am wohlwollende Unterstützung; denn so viel Richtiges in dem Dichterworte liegt, dass der Meusch wächst mit seinen höhern Zwecken, so braucht doch ein jedes Wachsthum Zeit und ent- wickelt sich nur allmählich; und darum bitte ich Sie um Ihre Hilfe, nicht um meinet-, sondern um der Sache willen.— Und schliesslich habe ich auch an euch, meine lieben Schüler, noch eine Mahnung zu richten. Dass ihr die gewöhnlichen Schülerpflichten der Gottesfurcht, des Gehorsams, des Fleisses und der Dankbarkeit nach wie vor erfüllen sollt, das ist ja selbstverständlich und das kündet euch allen, auch dem Kleinsten, die heilige Stimme in seinem Innern. Ich verlange aber noch Eines, und das euch selber zum Segen, nämlich guten Willen und vertrauensvolle Hingabe. Es ist nichts so leicht, als gerade diese Pflichten zu erfüllen, und doch werden sie So oft vernachlässigt. Erfüllt ihr sie aber, so kann ich euch sagen, dass das freudige Zusanmen- wirken aller, das gemüthliche Verhältniss zwischen Lehrer und Schüler, das von jeher eine pesondere Zierde dieser Anstalt gewesen ist, auch weiter fortbestehen, dass es all unser Thun leichter machen und zu einem schönen Ziele führen wird.
Gott der Herr aber, der die-Herzen der Menschen leukt, wie Wasserbäche, möge mich erleuchten mit seinem Geiste, und mir Weisheit und Kraft in meine Seele legen, dass mein Wirken an dieser Pflanzstätte der Bildung fröblich gedeihe zu seiner Ehre und des Vaterlandes Bestem. Amen.


