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ro*τοςο eidiro, das gilt von der wahren Bildung noch heutzutage ebenso wie es dereinst zu den Zeiten eines Platon Geltung hatte. Beide Fächer, Geschichte wie Mathematik, sollen daher in ihrem wohlerworbenen Rechte bestehen bleiben. Die Naturwissenschaften hingegen, wie die neueren Sprachen, dürfen zwar auf dem Gymnasium nicht völlig unbeachtet darniederliegen, müssen aber doch, wenn wir die Geisteskräfte unserer Schüler nicht durch Zersplitterung schä- digen wollen, auf ein mässiges Gebiet beschränkt werden; denn mit Recht wird von Seiten der besten Kenner dieser Verhältnisse immer und immer wieder auf eine möglichst bescheidene Zahl der Lehrgegenstände gedrungen.
Dies ist es in aller Kürze, was ich als meine Ansichten über den gymnasialen Unter- richt in stofflicher Hinsicht bezeichnen muss. Es sei mir nun gestattet, auch über die Methode im grossen und ganzen einen Gedanken zu entwickeln, der mir schon lange auf der Seele liegt und der wiederum die Richtung bezeichnen soll, welche ich in meinem neuen Amte einzuschlagen gesonnen bin.— Wer die Geschichte des menschlichen Geistes, wie sie namentlich in der neueren Zeit sich entwickelt, aufmerksamer beobachtet, dem wird die Wahrnehmung nicht entgehen, dass es im wesentlichen zwei Wege sind, auf welchen aller geistige Fortschritt sich vollzieht, je nach der eigenthümlichen Anlage derer, welche als Führer in der grossen Bewegung des Forschens und. Strebens angesehen werden därfen. Die einen nämlich, So dünkt mir, wirken wesentlich aufbauend, sie sind es, welche vermöge einer angebornen Eigenart bisher nicht gekannte Bahnen zur Wahr- heit entdecken, welche neue Wissenschaften finden und früher nicht dagewesene Gebäude gewal- tiger Geistesarbeit aufführen. Von dem Feuer einer wundersamen Begeisterung getrieben, dringen diese Naturen in Sturmeseile vorwärts, schaffend und neugestaltend; ihr Werk, mag es auch von Irrthümern untermischt sein, wird dann von andern, kleineren Kräften aufgenommen, weitergeführt und von den etwa anhaftenden Mängeln im Laufe der Zeit gereinigt. Die Menschheit aber ver- dankt solchen Pfadfindern des Geistes, Männern, wie Winckelmann, Herder, die Brüder Grimm waren, ungeheure Fortschritte in ihrer Bildung.
Dieser Richtung gegenüber kann man nun eine andere bemerken, die sich zur ersteren etwa verhält, wie der positive Pol zum negativen. Sie wird von Kräften vertreten, welche auf destructivem Wege die menschliche Cultur nicht minder zu förden wissen, wie die erstgenannten auf constructivem. Bauten Männer der ersten Art neue, edle Gebilde auf, so reissen diese das Alte, Schlechte und Verfehlte ein: was im Laufe von Jahrhunderten an Verrottetem und Verkehr- tem, an Vorurtheil und Thorheit sich angesammelt hat, was die Aussicht zum ewig Wahren, Guten und Schönen versperrt und jeden gesunden Fortschritt verhindert, das bekämpfen und zer- stören solche Geister mit hellem Verstande und kühner Hand und legen so die Pfade für ein erspriessliches Neuschaffen in geistiger Arbeit, für ein gesundes Leben in geläuterter Atmosphäre frei. Solche Männer waren die grossen Kritiker der Neuzeit, Erscheinungen wie Bayle; Lessing, Lachmann u. a. Auf diesen beiden Wegen also vollzieht sich das allmähliche Fortschreiten der Cultur bei geistig begabten und in der Vorwärtsentwickelung begriffenen Völkern. Natürlich schliesst nun niemals die eine Richtung die andere völlig aus: wie die zersetzendste Kritik immer etwas Constructives enthält, so ist auch der schaffende und aufbauende Genius in gewisser Hinsicht ein zerstörender und niederreissender: ja bei den wahren Fürsten des Geistes werden wohl beide Arten in ziemlich gleicher Stärke zu einem harmonischen Ganzen vermischt sein. Welche von den beiden Richtungen aber an sich die segensreichere sei, das ist schwer zu entscheiden; vielleicht ist ihre Wirkung gleich hoch anzuschlagen für das Gedeihen de Menschheit. Je nach seinem Naturell neigt nun, abgesehen von jenen gesegneten Naturen, denen beide Gaben in völlig gleicher Stärke verliehen sind, ein jeder Arbeiter auf dem Ackerfeld des Geistes mehr zu der einen oder der anderen Richtung hin. Und davon ist auch der geringste nicht ausgeschlossen, selbst bei


